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Videolaryngoskopie im Notfall: Indikation, Technik und typische Fallstricke

Die Videolaryngoskopie hat sich präklinisch und im Schockraum als Standardwerkzeug für den schwierigen Atemweg etabliert, doch ihre Vorteile hängen von Spatelform, Technik und Training ab. Dieser Beitrag fasst zusammen, wann das Videolaryngoskop hilft, wie sich Macintosh- und hyperangulierte Spatel unterscheiden und warum gute Sicht nicht automatisch eine leichte Intubation bedeutet.

Atemweg & Narkose · 6 Min. Lesezeit · Ärztlich geprüft am 1. November 2026 · English version

Illustration zum Beitrag Videolaryngoskopie im Notfall: Indikation, Technik und typische Fallstricke

Warum Videolaryngoskopie im Notfall?

Die Notfallintubation unterscheidet sich grundlegend von der elektiven Narkoseeinleitung. Typisch sind nicht nüchterne Patient:innen, eingeschränkte physiologische Reserven, Blut oder Erbrochenes im Atemweg, immobilisierte Halswirbelsäule und ungünstige Lagerung, etwa am Boden, im Fahrzeug oder bei schlechtem Licht. Das Videolaryngoskop verlagert den Blick von der direkten Sichtachse auf einen Bildschirm. Die Glottis wird so sichtbar, ohne Mund-, Pharynx- und Larynxachse in eine Linie bringen zu müssen.

Für den schwierigen Atemweg präklinisch ergibt sich daraus ein praktischer Vorteil: Weniger Kraft und weniger Reklination sind nötig, um die Glottis darzustellen. Gleichzeitig sieht das ganze Team, was im Atemweg passiert. Die Evidenz zu harten Endpunkten wie Überleben oder neurologischem Outcome ist begrenzt und stark von Gerät, Setting und Erfahrung der Anwender:innen abhängig. Die Videolaryngoskopie ist daher ein Werkzeug, kein Ersatz für Atemwegskompetenz.

Indikationen präklinisch und im Schockraum

Typische Situationen mit Vorteil für das Videolaryngoskop

  • Erwarteter schwieriger Atemweg: eingeschränkte Mundöffnung, kurzer oder unbeweglicher Hals, ausgeprägte Adipositas, anatomische Besonderheiten
  • Trauma mit HWS-Immobilisation: Die Glottis lässt sich ohne relevante Reklination darstellen.
  • Ungünstige Patientenposition: Patient:in am Boden, eingeklemmt oder mit eingeschränktem Zugang zum Kopf
  • Schockraum und Teamarbeit: Der Bildschirm ermöglicht gemeinsames Situationsbewusstsein, gezielte Hilfestellung, etwa externe Larynxmanipulation, und strukturierte Supervision.
  • Reanimation: Intubation ohne längere Unterbrechung der Thoraxkompressionen, wenn erfahrene Anwender:innen verfügbar sind

Neugeborene

Die ERC-Leitlinien 2025 zur Neugeborenenversorgung sehen in der Vorbereitung ein Intubationsset mit Videolaryngoskop vor, das direkte Laryngoskop dient als Reserve. Hebt sich der Thorax trotz optimierter Maskenbeatmung nicht, empfehlen die Leitlinien, unter Sicht abzusaugen und den Druck zu erhöhen. Anschließend folgt eine Larynxmaske oder Intubation mit Videolaryngoskop, danach werden die Blähbeatmungen wiederholt. Zu den Neuerungen gegenüber 2021 zählen im Bereich Atemweg ausdrücklich Zwei-Helfer-Technik, frühe Larynxmaske und Videolaryngoskop [142].

Nach ROSC

Nach ERC/ESICM 2025 soll der Atemweg bei komatösen Patient:innen nach Wiederherstellung des Spontankreislaufs gesichert werden. Die Intubation erfolgt durch Erfahrene, die Kapnographie ist obligat [3]. Das Videolaryngoskop kann diese Intubation erleichtern. Den Nachweis der korrekten Tubuslage ersetzt es nicht.

Spatelformen: Macintosh-Geometrie vs. hyperanguliert

Die Wahl des Spatels bestimmt die gesamte Intubationstechnik. Zwei Grundformen sind zu unterscheiden, dazu kommen kanalgeführte Systeme.

Merkmal Macintosh-förmiger Spatel Hyperangulierter Spatel
Geometrie wie konventioneller Macintosh-Spatel stark gekrümmt
Laryngoskopie direkt und indirekt möglich nur indirekt (Bildschirm)
Tubusführung oft ohne Führungsstab, Bougie gut einsetzbar vorgeformter Führungsstab in der Regel erforderlich
Stärke vertraute Technik, Rückfallebene Direktsicht Sicht „um die Ecke“, z. B. bei eingeschränkter Reklination
Typische Schwäche bei sehr anteriorem Larynx begrenzt Sicht gut, Tubusplatzierung trotzdem schwierig

Kanalgeführte Spatel

Bei kanalgeführten Spateln liegt der Tubus in einer Führungsschiene. Er muss nicht separat gesteuert werden, dafür muss der Spatel exakt auf die Glottis ausgerichtet sein. Kleine Abweichungen lenken den Tubus an die Aryknorpel oder in den Ösophagus.

Praxisempfehlung

Für die Intubation mit dem Videolaryngoskop im Rettungsdienst hat sich vielerorts ein Macintosh-förmiger Spatel als Standard bewährt, weil er die vertraute Technik beibehält und bei verschmutzter Optik den Wechsel auf Direktsicht erlaubt. Hyperangulierte Spatel sind eine wertvolle Option für spezifische Situationen, erfordern aber eigenes Training. Entscheidend ist, dass das Team das vorgehaltene System sicher beherrscht.

Technik: Schritt für Schritt

  1. Vorbereitung: Präoxygenierung, Absaugung griffbereit, Bougie bzw. Führungsstab vorbereitet, Kapnographie angeschlossen, Plan B und C, etwa supraglottischer Atemweg oder chirurgischer Atemweg, im Team ausgesprochen
  2. Einführen unter Direktsicht: Den Spatel in der Mittellinie oder je nach System von rechts einführen. Mundhöhle und Zunge zunächst direkt beobachten, erst dann auf den Bildschirm wechseln.
  3. Glottis darstellen, nicht maximieren: Eine vollständige, aber nicht „formatfüllende“ Sicht anstreben. Liegt die Glottis eher im oberen Bildschirmbereich, bleibt Raum für die Tubuspassage.
  4. Tubus einführen: Den Tubus unter direkter Sicht in den Mund einführen, bis seine Spitze auf dem Bildschirm erscheint. Erst dann den Blick auf den Monitor richten.
  5. Glottispassage: Bei hyperangulierten Spateln den Führungsstab etwas zurückziehen, sobald die Tubusspitze die Stimmbänder passiert. Hängt der Tubus an der Trachealvorderwand, helfen Rotation des Tubus oder ein Bougie.
  6. Lagekontrolle: Kapnographie mit persistierender Kurve, Auskultation, klinische Zeichen. Die Videosicht allein beweist keine korrekte Tubuslage.

Typische Fallstricke

„Gute Sicht, aber kein Tubus“

Der häufigste Denkfehler: Eine hervorragende Glottisdarstellung wird mit einer einfachen Intubation gleichgesetzt. Gerade bei hyperangulierten Spateln weicht die Kamera-Achse stark von der Achse ab, über die der Tubus geführt werden muss. Die Folge ist eine perfekte Sicht, während der Tubus an Aryknorpeln, Epiglottis oder Trachealvorderwand hängen bleibt.

Gegenmaßnahmen:

  • Spatel etwas zurückziehen, um eine weniger optimale, aber besser erreichbare Sicht zu erhalten
  • Führungsstab passend zur Spatelkrümmung vorformen
  • Bougie frühzeitig einsetzen

Zu tiefe Spatelposition

Wird der Spatel zu weit vorgeschoben, rückt der Larynx in den oberen Bildschirmrand oder aus dem Bild. Die Epiglottis wird unter Umständen aufgeladen und verlegt den Eingang. Häufig verbessert schon ein leichtes Zurückziehen die Situation.

Verletzungen ohne Sicht

Wer früh nur noch auf den Bildschirm blickt, führt den Tubus im Mund-Rachen-Raum blind. Weichteilverletzungen an Gaumenbögen, Tonsillen oder Pharynx sind beschrieben. Deshalb gilt: Den Tubus so lange direkt beobachten, bis er auf dem Monitor sichtbar ist.

Blut, Erbrochenes, beschlagene Optik

Kontamination ist im Notfall die Achillesferse der Kamera. Wirksam sind leistungsfähige Absaugung, gegebenenfalls eine strukturierte Absaugtechnik wie SALAD, Antibeschlag-Maßnahmen und das Vorwärmen der Optik je nach Hersteller. Hier zeigt sich der Vorteil eines Macintosh-förmigen Spatels, der den Wechsel auf Direktsicht ermöglicht.

Präklinische Rahmenbedingungen

  • Sonnenlicht und Blendung erschweren das Ablesen des Bildschirms. Abschatten hilft.
  • Kälte begünstigt Beschlagen und verkürzt die Akkulaufzeit.
  • Gerätecheck gehört zur Routine: Akku, Ersatzspatel, Funktionstest.

Fixierung und Zeitverlust

Ein Videolaryngoskop verleitet dazu, Versuche zu verlängern, weil „man ja etwas sieht“. Die Sättigung ist das Zeitlimit, nicht das Bild. Abbruchkriterien und der Übergang zu Plan B sollten vorab im Team vereinbart sein.

Training und Kompetenz

Die Videolaryngoskopie ergänzt die konventionelle Laryngoskopie, ersetzt sie aber nicht. Für Notärzt:innen und Anästhesie-Teams heißt das:

  • regelmäßiges Training am vorgehaltenen Gerät, idealerweise auch unter realistischen Bedingungen in der Simulation
  • Erhalt der Kompetenz in direkter Laryngoskopie und supraglottischen Atemwegshilfen
  • klare, im Team kommunizierte Atemwegsalgorithmen

Die Wahl des Systems, der Spatelform und der lokalen Algorithmen sollte sich an aktuellen Atemwegsleitlinien und an der Versorgungsrealität des jeweiligen Rettungsdienstes oder Schockraums orientieren.

Fazit für die Praxis

Die Videolaryngoskopie im Notfall bietet beim erwarteten oder unerwarteten schwierigen Atemweg, bei HWS-Immobilisation und in der Teamkommunikation klare praktische Vorteile. Im Neugeborenenalgorithmus der ERC-Leitlinien 2025 ist sie fest verankert. Gute Sicht ist jedoch nur die halbe Intubation. Spatelgeometrie, Tubusführung, Absaugung und konsequente Kapnographie entscheiden über den Erfolg.

Quellen

  • [142] Hogeveen M, Monnelly V, Binkhorst M et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Newborn Resuscitation and Support of Transition of Infants at Birth. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110766.
  • [3] Nolan JP, Sandroni C et al. European Resuscitation Council and European Society of Intensive Care Medicine Guidelines 2025 Post-Resuscitation Care. Resuscitation 2025 / Intensive Care Med 2025;51:2213–2288.
  • [1] Soar J, Böttiger BW et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110769 (Korrigendum 2026).
  • [4] Kurzfassung der Leitlinien des European Resuscitation Council 2025. Notfall Rettungsmed 2025.

Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.

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