
Warum die präklinische Phase zählt
Sepsis ist eine lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlregulierten Wirtsantwort auf eine Infektion. Der septische Schock ist die Untergruppe mit zirkulatorischer und zellulär-metabolischer Störung. Klinisch zeigt er sich durch Vasopressorbedarf trotz Volumengabe und durch ein erhöhtes Laktat. Die genauen Grenzwerte sind der aktuellen Surviving Sepsis Campaign (SSC) zu entnehmen.
Der Notarztdienst kann die Erkrankung selten kausal behandeln. Er kann aber die Weichen stellen: den Verdacht formulieren, die Organfunktion stabilisieren und die Patientin oder den Patienten gezielt in eine geeignete Klinik bringen. Die Erkennung von Sepsis präklinisch entscheidet oft darüber, wie schnell im Krankenhaus Diagnostik, Antibiotikatherapie und Fokussanierung beginnen.
Screening: an Sepsis denken
Klinische Warnzeichen
Für Sepsis gibt es kein einzelnes präklinisches Leitsymptom. Verdächtig ist die Kombination aus möglicher Infektion und neu aufgetretener Organdysfunktion:
- Atmung: erhöhte Atemfrequenz, oft das früheste und am häufigsten nicht gemessene Zeichen; Abfall der Sauerstoffsättigung
- Kreislauf: Hypotonie, Tachykardie, verlängerte Rekapillarisierungszeit, marmorierte oder kühle Haut
- Bewusstsein: neue Verwirrtheit, Somnolenz, Agitation, besonders bei älteren Menschen oft das einzige Zeichen
- Haut: Petechien oder Purpura, die an eine Meningokokkeninfektion denken lassen
- Niere: Oligurie in der Anamnese
- Temperatur: Fieber oder Hypothermie; eine normale Temperatur schließt eine Sepsis nicht aus
Risikoprofil in der Anamnese
Folgende Konstellationen erhöhen die Vortestwahrscheinlichkeit:
- hohes Alter, Pflegebedürftigkeit
- Immunsuppression, laufende Chemotherapie (neutropenes Fieber)
- kürzliche Operation oder Intervention
- liegende Katheter oder Ports
- Diabetes mellitus, chronische Niereninsuffizienz
- Dauertherapie mit Glukokortikoiden oder bekannte Nebenniereninsuffizienz
qSOFA im Notarztdienst: Stellenwert und Grenzen
Der qSOFA umfasst drei Kriterien: erhöhte Atemfrequenz, veränderter Bewusstseinszustand und erniedrigter systolischer Blutdruck. Die Schwellenwerte sind in der jeweils gültigen Leitlinie nachzulesen. Für den qSOFA im Notarztdienst gelten folgende Einschränkungen:
- Der qSOFA ist kein Diagnosekriterium. Er weist auf ein erhöhtes Risiko eines ungünstigen Verlaufs bei vermuteter Infektion hin.
- Nach bisheriger Datenlage ist er eher spezifisch, aber nur begrenzt sensitiv. Ein unauffälliger qSOFA schließt eine Sepsis nicht aus.
- Aggregierte Frühwarnscores mit mehr Parametern, etwa NEWS2, werden als Alternative oder Ergänzung diskutiert. Welches Instrument präklinisch am besten geeignet ist, ist nicht abschließend geklärt. Den aktuellen Stellenwert der Scores beschreibt die SSC-Leitlinie.
Für die Praxis heißt das: Scores strukturieren die Einschätzung, ersetzen aber nicht den klinischen Gesamteindruck. Bei Infektionsverdacht und auffälligen Vitalparametern sollte der Verdacht „Sepsis“ aktiv ausgesprochen und dokumentiert werden.
Präklinische Diagnostik
Die Diagnostik vor Ort soll die Organdysfunktion erfassen und einen Fokus eingrenzen. Sie darf den Transport nicht verzögern.
- ABCDE-Untersuchung mit vollständigen Vitalparametern. Die Atemfrequenz wird ausgezählt, nicht geschätzt.
- Blutzucker bei jeder Bewusstseinsstörung.
- Temperatur, möglichst mit Angabe der Messmethode.
- 12-Kanal-EKG, denn Tachyarrhythmien und Ischämie sind häufige Differenzialdiagnosen oder Begleitbefunde.
- Laktat am Point of Care, sofern verfügbar. Es dient als Verlaufs- und Schweregradparameter; erhöhte Werte sind jedoch nicht spezifisch für Sepsis.
- Fokussuche: Lunge (Auskultation, Atemmuster), Harnwege, Abdomen, Haut und Weichteile (Erysipel, nekrotisierende Infektion, Dekubitus), Katheter und Ports, meningeale Zeichen.
- Point-of-Care-Sonographie, wenn Gerät und Expertise vorhanden sind. Sie hilft bei der Einschätzung von Volumenstatus und Pumpfunktion, bei der Suche nach freier Flüssigkeit und beim Ausschluss anderer Schockursachen.
Wichtige Differenzialdiagnosen sind kardiogener, hypovolämer und obstruktiver Schock, Intoxikation und Nebennierenkrise. Eine Infektion ist ein häufiger Auslöser einer Nebennierenkrise.
Kreislauftherapie beim septischen Schock im Notfall
Volumentherapie
Bei Hypoperfusion ist eine frühe Volumengabe Standard. Menge, Art und Geschwindigkeit richten sich nach der aktuellen SSC-Leitlinie. Präklinisch hat sich ein pragmatisches Vorgehen bewährt:
- Bolusweise mit Kristalloiden infundieren und den Effekt nach jedem Bolus neu beurteilen: Herzfrequenz, Blutdruck, Rekapillarisierung, Bewusstsein, Atemarbeit.
- Zeichen der Volumenüberladung beachten, etwa zunehmende Dyspnoe, feuchte Rasselgeräusche oder einen Sättigungsabfall. Besonders gefährdet sind Patient:innen mit Herz- oder Niereninsuffizienz.
- Evidenzlage: Ob eine eher restriktive oder eine eher liberale Volumenstrategie vorteilhaft ist, ist nicht abschließend geklärt. Eine starre Formelgabe ohne Reevaluation ist präklinisch nicht sinnvoll.
Vasopressor
Bleibt die Hypotonie trotz Volumengabe bestehen, ist Noradrenalin der Vasopressor der Wahl. Der Blutdruck-Zielwert für den septischen Schock ist der aktuellen SSC-Leitlinie zu entnehmen und individuell anzupassen, etwa bei vorbestehender Hypertonie. Ob Noradrenalin präklinisch peripher-venös gegeben wird, richtet sich nach dem lokalen Standard. In diesem Fall ist eine sichere, gut laufende Venenverweilkanüle Voraussetzung und die Einstichstelle muss engmaschig kontrolliert werden.
Rechenhilfe Noradrenalin-Perfusor (5 mg / 50 ml = 100 µg/ml). Die Tabelle ist eine reine Umrechnung und keine Dosisempfehlung. Sie stammt aus dem Kompendium, Kapitel Postreanimationsbehandlung.
| KG | 0,05 µg/kg/min | 0,1 µg/kg/min | 0,2 µg/kg/min | 0,3 µg/kg/min |
|---|---|---|---|---|
| 60 kg | 1,8 ml/h | 3,6 ml/h | 7,2 ml/h | 10,8 ml/h |
| 70 kg | 2,1 ml/h | 4,2 ml/h | 8,4 ml/h | 12,6 ml/h |
| 80 kg | 2,4 ml/h | 4,8 ml/h | 9,6 ml/h | 14,4 ml/h |
| 90 kg | 2,7 ml/h | 5,4 ml/h | 10,8 ml/h | 16,2 ml/h |
| 100 kg | 3 ml/h | 6 ml/h | 12 ml/h | 18 ml/h |
Die Dosis wird nach Wirkung titriert. Lokale Verdünnungsstandards sind zu beachten.
Hydrocortison: meist klinisch, selten präklinisch
- Septischer Schock mit anhaltendem Vasopressorbedarf (Erwachsene): Hydrocortison 200 mg/24 h i.v., als 50 mg alle 6 h oder kontinuierlich (SSC 2026). Die SSC 2026 schlägt i.v.-Kortikosteroide bei septischem Schock vor, allerdings als schwache Empfehlung bei geringer Evidenz und ohne festen Noradrenalin-Schwellenwert. Die frühere Orientierung der SSC 2021 lag bei Noradrenalin ≥ 0,25 µg/kg/min über ≥ 4 h. Nationale Leitlinien können abweichen. Diese Therapie wird in der Regel in der Klinik begonnen.
- Sonderfall Nebennierenkrise: Bei bekannter Nebenniereninsuffizienz oder chronischer Glukokortikoidtherapie kann eine Infektion eine Nebennierenkrise auslösen. Hier gilt für Erwachsene: Hydrocortison 100 mg i.v. (oder i.m.) als Bolus, ohne auf Laborwerte zu warten (Beuschlein et al. 2024). Wenn es ohne Verzögerung möglich ist, vorher Blut für Kortisol und ACTH abnehmen. Ergänzend isotone Kochsalzlösung und bei Hypoglykämie Glukose geben. Notfallausweis und mitgeführtes Notfallset der Patient:innen beachten.
Atemweg und Oxygenierung
Sauerstoff wird nach Bedarf gegeben. Bei drohender respiratorischer Erschöpfung oder Bewusstseinsminderung ist eine Atemwegssicherung zu erwägen. Bei Narkoseeinleitung im septischen Schock droht ein Kreislaufzusammenbruch. Deshalb sollten Vasopressor und Volumen vorbereitet und die Einleitungsmedikation hämodynamisch angepasst sein.
Antibiotika präklinisch?
Die Evidenz für eine routinemäßige präklinische Antibiotikagabe ist begrenzt. Ein Überlebensvorteil ist für das allgemeine Notarzt-Setting nicht belegt. Wichtiger ist eine kurze Zeit bis zur Klinik und dort eine rasche, gezielte Therapie nach Abnahme von Blutkulturen. Lokale Protokolle können Ausnahmen vorsehen, etwa bei Verdacht auf eine fulminante Meningokokkeninfektion oder bei langen Transportzeiten. Wirkstoff und Dosierung richten sich dann nach der lokalen SOP und der Fachinformation.
Zuweisungsstrategie
Die Zielklinik sollte nicht nur nach der Entfernung, sondern auch nach der Versorgungsfähigkeit ausgewählt werden:
- Intensivkapazität muss bei septischem Schock oder relevantem Vasopressorbedarf verfügbar sein.
- Fokussanierung muss möglich sein, etwa durch Chirurgie, Urologie, Gynäkologie oder interventionelle Radiologie, je nach vermutetem Fokus.
- Voranmeldung mit dem ausdrücklichen Hinweis „Verdacht auf Sepsis“ bzw. „septischer Schock“, damit Diagnostik und Antibiotikatherapie ohne Verzögerung beginnen können.
- Strukturierte Übergabe: vermuteter Fokus, Zeitpunkt des Symptombeginns, Vitalparameter im Verlauf, Laktat (falls gemessen), Volumenmenge, Vasopressordosis, relevante Vorerkrankungen und Immunstatus.
- Therapieziele frühzeitig klären, etwa bei hochbetagten oder palliativ versorgten Patient:innen. Vorliegende Patientenverfügungen sind zu berücksichtigen.
Fazit für die Praxis
- Bei Infektionsverdacht mit Organdysfunktion aktiv an Sepsis denken und den Verdacht kommunizieren.
- Der qSOFA ist eine Orientierungshilfe, kein Ausschlusskriterium.
- Volumen bolusweise mit ständiger Reevaluation geben; bei persistierender Hypotonie Noradrenalin titrieren.
- Bei bekannter Nebenniereninsuffizienz oder Steroid-Dauertherapie an eine Nebennierenkrise denken.
- Die Zielklinik nach Intensivkapazität und Möglichkeit zur Fokussanierung wählen und frühzeitig voranmelden.
Quellen
- Surviving Sepsis Campaign: International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock 2026. Intensive Care Med 2026;52:863–936 / Crit Care Med 2026.
- Beuschlein F et al. European Society of Endocrinology and Endocrine Society Joint Clinical Guideline: Diagnosis and therapy of glucocorticoid-induced adrenal insufficiency. Eur J Endocrinol 2024;190:G25–G51.
- Nolan JP, Sandroni C et al. European Resuscitation Council and European Society of Intensive Care Medicine Guidelines 2025 Post-Resuscitation Care. Resuscitation 2025 / Intensive Care Med 2025;51:2213–2288.
Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.


