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Postreanimationsbehandlung nach ROSC: Oxygenierung, Blutdruckziele und Temperaturmanagement nach ERC 2025

Nach dem Wiedereinsetzen des Spontankreislaufs entscheiden die ersten Stunden mit über das neurologische Outcome. Dieser Beitrag fasst die Zielwerte für Beatmung, Kreislauf und Temperatur sowie die Ursachensuche nach den ERC-Leitlinien 2025 für Präklinik, Schockraum und Intensivstation zusammen.

Reanimation · 6 Min. Lesezeit · Ärztlich geprüft am 1. November 2026 · English version

Illustration zum Beitrag Postreanimationsbehandlung nach ROSC: Oxygenierung, Blutdruckziele und Temperaturmanagement nach ERC 2025

Warum die Phase nach ROSC eigene Ziele braucht

Mit dem Return of Spontaneous Circulation (ROSC) beginnt die Postreanimationsbehandlung. Sie ist kein Nachsatz zur Reanimation. Hypoxie, Hyperoxie, Hypotonie, Hypo- oder Hyperkapnie und Fieber können die hypoxisch-ischämische Schädigung weiter verstärken. Die gemeinsamen Leitlinien von European Resuscitation Council (ERC) und European Society of Intensive Care Medicine (ESICM) 2025 nennen dafür konkrete Zielbereiche [3]. Viele davon lassen sich bereits bei der präklinischen ROSC-Versorgung umsetzen.

Die Kernbotschaft nach ERC 2025 lautet:

  • Sofort: ABCDE-Beurteilung und 12-Kanal-EKG
  • Oxygenierung: SpO₂ 94–98 %
  • Ventilation: Normokapnie
  • Kreislauf: systolisch > 100 mmHg bzw. MAP > 60–65 mmHg
  • Ursache suchen: ST-Hebung → Herzkatheter
  • Temperatur: Fieber aktiv verhindern (≤ 37,5 °C, mindestens 72 h)

Atemweg und Beatmung

Atemweg sichern

Bei komatösen Patient:innen wird der Atemweg nach ROSC gesichert. Die Intubation sollen Erfahrene durchführen. Die Kapnographie ist obligat, zur Lagekontrolle des Tubus und zur kontinuierlichen Überwachung der Ventilation [3].

Oxygenierung: Hypoxie und Hyperoxie vermeiden

Das Oxygenierungsziel nach ERC 2025 ist eine SpO₂ von 94–98 % [3]. Das praktische Vorgehen:

  • Mit 100 % Sauerstoff beginnen.
  • Herunter titrieren, sobald SpO₂ oder Blutgasanalyse (BGA) verlässlich verfügbar sind.
  • Hypoxie und Hyperoxie gleichermaßen vermeiden.

Die Pulsoxymetrie ist bei dunkler Hautfarbe ungenauer. Hier sollte die Oxygenierung frühzeitig per BGA überprüft werden.

Ventilation: Normokapnie anstreben

Ziel ist Normokapnie mit einem PaCO₂ von ca. 35–45 mmHg [3]. Dabei gilt es, drei Punkte zu beachten:

  • etCO₂ als Ersatz für PaCO₂: Der etCO₂ unterschätzt den PaCO₂ nach Reanimation oft. Die Beatmung sollte sich daher, sobald möglich, an der BGA orientieren.
  • Hypothermie: Unter Hypothermie droht eine Hypokapnie. Die Beatmungsparameter müssen entsprechend nachjustiert werden.
  • Lungenprotektive Beatmung: 6–8 ml/kg Standardgewicht.

Kreislaufstabilisierung: Blutdruckziele nach ERC 2025

Hypotonie nach ROSC soll vermieden werden. Die Zielwerte lauten systolisch > 100 mmHg bzw. MAP > 60–65 mmHg [3]. Je nach individueller Situation kann ein höheres Ziel sinnvoll sein.

Zu den therapeutischen Optionen nach ERC 2025 gehören:

  • Volumen nach Bedarf
  • Noradrenalin als Vasopressor
  • Dobutamin bei niedrigem Herzzeitvolumen
  • Echokardiographie zur Beurteilung von Pumpfunktion, Volumenstatus und möglicher Ursachen

Noradrenalin-Perfusor (Beispiel aus dem Kompendium)

Zubereitung: 5 mg Noradrenalin auf 50 ml = 0,1 mg/ml (100 µg/ml). Die Tabelle zeigt die Laufrate in ml/h:

KG 0,05 µg/kg/min 0,1 µg/kg/min 0,2 µg/kg/min 0,3 µg/kg/min
60 kg 1,8 3,6 7,2 10,8
70 kg 2,1 4,2 8,4 12,6
80 kg 2,4 4,8 9,6 14,4
100 kg 3 6 12 18

Die Dosierung wird nach Wirkung auf den Zielblutdruck titriert. Maßgeblich bleiben die aktuelle Fachinformation und lokale Standards.

Rhythmusstörungen nach ROSC

Bei wiederkehrenden oder therapierefraktären Rhythmusstörungen sind folgende Schritte vorgesehen [3]:

  • Elektrolyte (K⁺, Mg²⁺) ausgleichen
  • Ischämie behandeln
  • Antiarrhythmika bzw. Kardioversion gemäß Tachykardie-Algorithmus einsetzen

12-Kanal-EKG und Ursachensuche

Das 12-Kanal-EKG gehört zu den Sofortmaßnahmen nach ROSC. Es bestimmt maßgeblich die weitere Strategie und damit auch die Wahl der Zielklinik [3]:

Befund Vorgehen nach ERC 2025
ST-Hebung im 12-Kanal-EKG sofortige Koronarangiographie (PCI)
Keine ST-Hebung, aber starker Verdacht auf akuten Koronarverschluss (z. B. anhaltende Ischämie, Kreislauf-/Rhythmusinstabilität) Akut-Koronarangiographie erwägen
Keine ST-Hebung, außerklinischer Stillstand, kein dringender Verdacht Koronarangiographie verzögert, nicht notfallmäßig
Ursache unklar Ganzkörper-CT (Kopf bis Becken, zweiphasig, mit CT-Pulmonalisangiographie)

Unabhängig vom EKG-Befund gehören immer dazu:

  • Labor einschließlich Elektrolyten, Laktat und Troponin
  • Echokardiographie
  • systematische Suche nach reversiblen Ursachen (4 H und HITS)

Zielklinik: Anforderungen aus dem Behandlungspfad

Für die präklinische Versorgung folgt daraus: Die Zielklinik sollte die absehbar nötigen Maßnahmen vorhalten. Dazu zählen je nach Befund:

  • Herzkatheterlabor
  • CT-Diagnostik
  • Intensivstation mit Temperaturkontrolle per Feedback-Gerät
  • EEG
  • strukturierte, multimodale Prognoseabschätzung

Eine ST-Hebung im 12-Kanal-EKG sollte frühzeitig an die Zielklinik übermittelt werden, damit die Koronarangiographie ohne Verzögerung erfolgen kann.

Temperaturmanagement nach Reanimation

Das Temperaturmanagement nach Reanimation hat sich in den ERC-Leitlinien 2025 klar auf die Fiebervermeidung fokussiert [3]:

  • Ziel: ≤ 37,5 °C bei komatösen Patient:innen, für mindestens 72 h
  • Umsetzung: Fieber aktiv verhindern, bevorzugt mit einem Gerät mit Temperatur-Feedback
  • Leichte Hypothermie (32–36 °C): nicht aktiv wiedererwärmen
  • Präklinisch: keine Kühlung mit großen Mengen kalter Infusion

Für den Notarztdienst bedeutet das: Eine bestehende leichte Hypothermie wird toleriert. Aktive Erwärmung wird vermieden, und die Temperatur wird gemessen und dokumentiert. Die kontrollierte Temperaturführung über 72 h ist Aufgabe der Intensivstation.

Weitere Ziele auf der Intensivstation

  • Glukose: Normoglykämie nach dem Standardprotokoll der Intensivstation, Hypoglykämie vermeiden.
  • Krampfanfälle: behandeln, nicht vorbeugen. Eine Prophylaxe wird nicht empfohlen. Klinische oder EEG-Anfälle werden mit Levetiracetam oder Valproat behandelt, dazu erfolgt eine EEG-Diagnostik. Dosierungen sind der aktuellen Fachinformation bzw. Leitlinie zu entnehmen.
  • Sedierung: kurz wirksame Substanzen. Sie erleichtern die Temperaturkontrolle und die spätere neurologische Beurteilung.

Prognoseabschätzung: frühestens nach 72 Stunden

Frühe prognostische Festlegungen bergen das Risiko einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Nach ERC/ESICM 2025 gilt deshalb [3]:

  • Zeitpunkt: Beurteilung nicht vor 72 h nach ROSC.
  • Voraussetzung: Sedativa, Relaxanzien, Hypothermie und metabolische Störungen sind als Störfaktoren ausgeschlossen.
  • Methode: stets multimodal, mit klinischer Untersuchung, EEG, SSEP, Biomarkern und Bildgebung. Die Prognose stützt sich nie auf einen einzelnen Befund.
  • Ungünstige Prognose: wird erst angenommen, wenn mindestens zwei ungünstige Befunde vorliegen. Beispiele sind beidseits fehlende Pupillen- und Kornealreflexe ≥ 72 h oder beidseits fehlende N20-Potenziale im SSEP.
  • Myoklonien bei gutartigem EEG: Aufwachversuche sind auch noch nach Tagen möglich.

Eine Therapiezieländerung erfolgt nur nach strukturierter, multimodaler Beurteilung und nach dem Gespräch mit den Angehörigen. Wird die Therapie beendet oder tritt ein Hirntod ein, soll an eine mögliche Organspende gedacht werden.

Weiterbetreuung und Nachsorge

Vor der Entlassung empfehlen ERC/ESICM 2025 [3]:

  • Screening auf körperliche, kognitive und psychische Folgen
  • Einleitung von Rehabilitation und Nachsorge
  • Abklärung der Ursache, z. B. ICD-Indikation oder genetische Untersuchung bei plötzlichem Herztod

Praxis-Checkliste: ROSC-Versorgung präklinisch

  • ABCDE-Beurteilung, Atemweg bei Koma sichern, Kapnographie
  • FiO₂ zunächst 100 %, dann auf SpO₂ 94–98 % titrieren
  • Normokapnie anstreben, lungenprotektiv beatmen (6–8 ml/kg Standardgewicht)
  • Systolisch > 100 mmHg bzw. MAP > 60–65 mmHg sichern (Volumen, Noradrenalin)
  • 12-Kanal-EKG ableiten; bei ST-Hebung Zielklinik mit Herzkatheter
  • Reversible Ursachen (4 H und HITS) bedenken
  • Fieber vermeiden, leichte Hypothermie nicht aktiv wiedererwärmen, keine Kühlung mit großen Mengen kalter Infusion
  • Übergabe mit Zeitpunkten, Maßnahmen und Befunden

Quellen

  • [3] Nolan JP, Sandroni C et al. European Resuscitation Council and European Society of Intensive Care Medicine Guidelines 2025 Post-Resuscitation Care. Resuscitation 2025 / Intensive Care Med 2025;51:2213–2288.
  • [1] Soar J, Böttiger BW et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110769 (Korrigendum 2026).
  • [4] Kurzfassung der Leitlinien des European Resuscitation Council 2025. Notfall Rettungsmed 2025.

Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.

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