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Neugeborenenversorgung nach ERC 2025: Die ersten Minuten nach der Geburt

Eine Geburt außerhalb des Kreißsaals ist für Notärzt:innen und Anästhesie-Teams selten, verlangt aber in den ersten Minuten klare Prioritäten. Dieser Beitrag fasst die Erstversorgung des Neugeborenen nach NLS ERC 2025 für das präklinische Setting zusammen: Wärmeerhalt, Beurteilung, Atemweg, Beatmung und die Indikation zur Thoraxkompression.

Kindernotfälle · 7 Min. Lesezeit · Ärztlich geprüft am 1. November 2026 · English version

Illustration zum Beitrag Neugeborenenversorgung nach ERC 2025: Die ersten Minuten nach der Geburt

Warum die ersten Minuten zählen

Die Neugeborenenreanimation folgt einer anderen Logik als die Reanimation Erwachsener. Im Mittelpunkt steht nicht die Thoraxkompression, sondern die wirksame Beatmung. Die ERC-Leitlinien 2025 halten fest, dass die meisten Neugeborenen, die Unterstützung brauchen, nur beatmet werden müssen [1]. Wer diese Gewichtung verinnerlicht, vermeidet zwei typische Fehler: einen verfrühten Beginn der Herzdruckmassage und eine unzureichende, nicht überprüfte Maskenbeatmung.

Die Sofortmaßnahmen nach ERC 2025 lassen sich auf fünf Schritte verdichten [1]:

  • Uhr starten
  • Wärme sichern
  • Atemweg öffnen (Kopf in Neutralposition)
  • bei fehlender oder unzureichender Atmung bzw. Herzfrequenz (HF) < 100/min: 5 Blähbeatmungen
  • danach die Herzfrequenz erneut prüfen

Für die Präklinik gilt: Den NLS- oder PLS-Algorithmus verwenden, mit dem das Team vertrauter ist, bei Bedarf wechseln und frühzeitig Hilfe nachfordern [1].

Vorbereitung im präklinischen Setting

Steht die Geburt bevor, lohnt eine kurze strukturierte Vorbereitung. Die Checkliste nach ERC 2025 umfasst [1]:

  • Wärme: Raumtemperatur 23–25 °C (unter 28 SSW möglichst über 25 °C), Wärmequelle, vorgewärmte Tücher, Mütze und Folienbeutel für Frühgeborene
  • Beatmung: T-Stück (bevorzugt, vor allem bei Frühgeborenen) bzw. Beutel mit Manometer und PEEP, Masken in passender Größe, Absaugung, Larynxmaske in Neugeborenengröße, Intubationsset mit Videolaryngoskop und direktem Laryngoskop als Reserve
  • Monitoring: Stethoskop, EKG, Pulsoxymeter mit Sensor an der rechten Hand (präduktal), Uhr
  • Zugang und Medikamente: Nabelvenenkatheter bzw. intraossärer Zugang, Adrenalin 0,1 mg/ml vorbereitet, NaCl 0,9 %, Glukose 10 %
  • Team: Rollen verteilen, Gestationsalter und Risiken erfragen

Die Frage nach dem Gestationsalter ist dabei keine Formalität: Sie bestimmt Wärmemanagement, Start-Sauerstoff und Beatmungsdruck.

Wärmeerhalt

Ziel ist eine Körpertemperatur von 36,5–37,5 °C; Unterkühlung und Überwärmung sollen vermieden werden [1].

  • Reife Neugeborene und Frühgeborene ab 32 SSW: abtrocknen, nasse Tücher entfernen, Mütze aufsetzen.
  • Frühgeborene < 32 SSW: nur den Kopf abtrocknen und eine Mütze aufsetzen, den Körper ohne Abtrocknen in Folie bzw. einen Folienbeutel legen, Wärmelampe einsetzen.

Die Temperatur bei Aufnahme soll gemessen und dokumentiert werden. Sie gilt als Prognose- und Qualitätsmerkmal [1].

Abnabeln

ERC 2025 differenziert nach dem Zustand des Kindes [1]:

  • Keine Unterstützung nötig: frühestens nach 60 s abnabeln. Ein längeres Zuwarten ist möglicherweise günstiger.
  • Stabilisierung nötig: Wenn es sicher machbar ist, an intakter Nabelschnur versorgen und später abnabeln. Das gilt vor allem unter 34 SSW als bevorzugt.
  • Verzögertes Abnabeln nicht möglich: Ein Ausstreichen der Nabelschnur ist nur ab 28 SSW vorgesehen, unter 28 SSW nicht.

Erste Beurteilung: Atmung, Herzfrequenz, Tonus

Die Beurteilung erfolgt in den ersten Sekunden und danach laufend [1]:

Gut Eingeschränkt Schlecht
Atmung kräftig, schreit unregelmäßig, unzureichend keine / Schnappatmung
Herzfrequenz > 100/min 60–100/min < 60/min
Tonus gut reduziert schlaff
Vorgehen Wärme, bei der Mutter, beobachten Atemweg öffnen, beatmen Atemweg, beatmen, Hilfe holen

Praxisrelevante Hinweise:

  • Herzfrequenz: Das Stethoskop ist als erster Schritt vertretbar. Das EKG misst kontinuierlich und am genauesten.
  • Hautfarbe: Sie ist nur nachrangig zu werten, weil sie subjektiv und je nach Hauttyp unzuverlässig ist.

Atemweg öffnen

Der Kopf wird in Neutralposition gelagert [1].

  • Absaugen: kein routinemäßiges Absaugen. Nur bei Verdacht auf eine Verlegung wird unter Sicht abgesaugt.
  • Mekonium: Weder Rachen noch Trachea werden routinemäßig abgesaugt, weil das nur die Beatmung verzögert. Atmet das Kind nicht, wird sofort beatmet.

Beatmung: Kern der Neugeborenenreanimation

Parameter nach ERC 2025

Parameter ≥ 32 SSW < 32 SSW
Blähbeatmungen 5 ×, Inspiration bis 2–3 s 5 ×, bis 2–3 s
Inspirationsdruck (Start) 30 cmH₂O 25 cmH₂O
PEEP 6 cmH₂O 6 cmH₂O
Sauerstoff (Start) 21 % (Raumluft) ≥ 30 %
Danach 30 Beatmungen/min, Inspiration ca. 1 s, bis ausreichende Spontanatmung wie links

Quelle: ERC 2025 [1]

  • Der Druck wird gesenkt, sobald sich der Thorax hebt und sich das Kind bessert.
  • Blähmanöver über 5 s sind nicht vorgesehen.
  • Spontan atmende Frühgeborene < 32 SSW mit Atemnot erhalten als erste Atemunterstützung CPAP 6 cmH₂O [1].

Herzfrequenz steigt nicht an: Beatmung überprüfen

Steigt die HF nach den Blähbeatmungen nicht an, ist nach ERC 2025 fast immer die Beatmung unwirksam [1]. Das Vorgehen ist schrittweise:

  1. Hebt sich der Thorax? Kopf neutral lagern. Ist genug Personal vor Ort, wird die Zwei-Helfer-Technik mit Esmarch-Handgriff bevorzugt.
  2. Weiterhin keine Thoraxhebung: unter Sicht absaugen, Druck erhöhen, Larynxmaske oder Intubation (Videolaryngoskop), anschließend die Blähbeatmungen wiederholen.
  3. Thorax hebt sich: 30 s weiter beatmen, dann die HF erneut prüfen.

Die Larynxmaske ist angezeigt bei unwirksamer Maskenbeatmung und wenn eine Intubation nicht möglich oder zu riskant ist. Passt die Größe, kann sie auch primär statt der Maske eingesetzt werden. Die Datenlage betrifft vor allem Kinder ab 34 SSW [1]. Für die Präklinik ist das relevant, weil die Intubation von Neugeborenen außerhalb spezialisierter Teams selten geübt wird.

Sauerstoff titrieren

Die präduktalen SpO₂-Zielbereiche (rechte Hand) nach ERC 2025 [1]:

Minute nach Geburt 3 5 10
SpO₂-Ziel 70–75 % 80–85 % 85–95 %

SpO₂ und FiO₂ werden alle 30 s geprüft und der Sauerstoff titriert. Bei SpO₂ > 95 % wird die Sauerstoffzufuhr reduziert. Hypoxie und Hyperoxie sollen vermieden werden, insbesondere bei Frühgeborenen [1].

Indikation zur Thoraxkompression

Die Herzdruckmassage ist nach ERC 2025 indiziert bei einer HF < 60/min trotz mindestens 30 s wirksamer Beatmung, erkennbar an sichtbarer Thoraxhebung [1]. Entscheidend ist der zweite Teil der Bedingung: Ohne nachweislich wirksame Beatmung ist die Indikation nicht gegeben, und die Optimierung des Atemwegs hat Vorrang.

Parameter Vorgehen
Technik Zwei-Daumen-Technik, Hände umgreifen den Thorax
Druckpunkt unteres Sternumdrittel
Tiefe ⅓ des a.-p. Thoraxdurchmessers, vollständig entlasten
Verhältnis 3 : 1 – 90 Kompressionen + 30 Beatmungen pro Minute
Sauerstoff auf 100 % erhöhen
Kontrolle HF alle 30 s; beenden bei HF > 60/min
Atemweg Larynxmaske oder Intubation erwägen, erfahrene Hilfe rufen, Gefäßzugang vorbereiten

Quelle: ERC 2025 [1]

Wenn Kompressionen nicht ausreichen

Medikamente kommen erst in Betracht, wenn die HF trotz gesichertem Atemweg, wirksamer Beatmung und mindestens 30 s Thoraxkompression unter 60/min bleibt und nicht ansteigt. Bevorzugter Zugang ist der Nabelvenenkatheter, alternativ intraossär [1].

  • Adrenalin i.v./i.o.: 10–30 µg/kg (Standard nach RCUK: 20 µg/kg, entsprechend 0,2 ml/kg der Lösung 0,1 mg/ml), Wiederholung alle 4 min, solange die HF < 60/min liegt [1, 2].
  • Natriumbikarbonat wird in der Reanimation nicht mehr empfohlen [1].

Weitere Medikamente und Volumengabe richten sich nach der aktuellen Leitlinie [1, 2].

Was ist neu in NLS ERC 2025?

  • Start-Sauerstoff in nur noch zwei Stufen: ≥ 32 SSW 21 %, < 32 SSW ≥ 30 %
  • PEEP bzw. CPAP einheitlich 6 cmH₂O
  • SpO₂-Zielbereiche ab Minute 3, Reduktion der Sauerstoffzufuhr bei > 95 %
  • Adrenalin-Wiederholung einheitlich alle 4 min
  • Natriumbikarbonat aus der Reanimation gestrichen
  • kein Ausstreichen der Nabelschnur unter 28 SSW, Versorgung an intakter Nabelschnur bevorzugt, wenn sicher
  • Atemweg: Zwei-Helfer-Technik, frühe Larynxmaske, Videolaryngoskop
  • Monitoring: EKG als genaueste HF-Messung, Hautfarbe nachrangig

Praxisfazit

Die Erstversorgung des Neugeborenen folgt einer klaren Reihenfolge:

  • Wärme sichern
  • Atemweg öffnen
  • wirksam beatmen
  • die Herzfrequenz engmaschig kontrollieren

Bleibt die HF niedrig, ist die erste Frage nicht „Kompression?“, sondern „Hebt sich der Thorax?“. Die Thoraxkompression ist erst nach mindestens 30 s nachweislich wirksamer Beatmung bei HF < 60/min indiziert. Nach erfolgreicher Stabilisierung erfolgt die Überwachung auf einer neonatologischen Intensivstation; eine frühe Abstimmung mit dem Zielzentrum ist sinnvoll [1].

Quellen

  1. Hogeveen M, Monnelly V, Binkhorst M et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Newborn Resuscitation and Support of Transition of Infants at Birth. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110766.
  2. Resuscitation Council UK. Newborn resuscitation and support of transition of infants at birth – 2025 Resuscitation Guidelines (nationale Adaptation der ERC-Leitlinien 2025).
  3. International Liaison Committee on Resuscitation (ILCOR). Neonatal Life Support: 2025 International Liaison Committee on Resuscitation Consensus on Science With Treatment Recommendations. Circulation 2025.

Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.

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