Zum Inhalt springen
drdaniel.appNotfall & Narkose · Notarzt Dr. Daniel Mein Konto App öffnen

Normwerte bei Kindern: Herzfrequenz, Atemfrequenz und Blutdruck richtig einordnen

Altersabhängige Normwerte für Herzfrequenz, Atemfrequenz und systolischen Blutdruck sind im Kindernotfall die Grundlage, um eine Kompensation von einer beginnenden Dekompensation zu unterscheiden. Dieser Beitrag fasst die Referenzwerte nach ERC 2025 und RCUK 2025 zusammen und zeigt, wie sie sich am Einsatzort und im Schockraum interpretieren lassen.

Kindernotfälle · 8 Min. Lesezeit · Ärztlich geprüft am 1. November 2026

Illustration zum Beitrag Normwerte bei Kindern: Herzfrequenz, Atemfrequenz und Blutdruck richtig einordnen

Warum altersabhängige Normwerte im Notfall zählen

Ein Wert, der bei Erwachsenen als Tachykardie gilt, kann beim Säugling normal sein. Ein Blutdruck, der bei einem Schulkind beruhigt, kann bei Jugendlichen bereits auffällig sein. Wer Kinder notfallmedizinisch versorgt, braucht daher Referenzbereiche, die nach Lebensalter gestaffelt sind. Wer diese Bereiche nicht kennt, übersieht leicht frühe Warnzeichen oder überbewertet physiologische Werte.

Bei Kindern ist der Atem- und Kreislaufstillstand meist die Folge eines respiratorischen Versagens (Hypoxie) oder eines Kreislaufversagens (Schock) und selten ein primär kardiales Ereignis [2]. Diese Entwicklung lässt sich oft schon früher an den Vitalparametern ablesen. Deshalb sind Normwerte für Kinder kein Tabellenwissen für die Prüfung, sondern ein Werkzeug der Ersteinschätzung.

Normwerte Kinder: Übersichtstabelle nach ERC 2025 / RCUK 2025

Die folgende Tabelle stammt aus der Kinder-Notfalltabelle des Kompendiums. Herz- und Atemfrequenz sind als Normbereich angegeben. Der systolische Blutdruck ist als Median angegeben, in Klammern steht die untere Grenze (5. Perzentile, P5) [2, 132, 133]. Das Gewicht ist nach den APLS-Formeln aus dem Alter geschätzt [134].

Alter Gewicht (kg) HF /min RR syst. Median (P5) mmHg AF /min
Frühgeborenes 1,5 110–180 – 25–60
Neugeborenes 3,5 110–180 75 (50) 25–60
Säugling 6 Mon. 7 110–180 75 (50) 25–60
1 J. 10 100–170 95 (70) 20–50
2 J. 12 90–160 98 (73) 18–40
3 J. 14 90–160 98 (73) 18–40
4 J. 16 90–160 98 (73) 18–40
5 J. 18 70–140 100 (75) 17–30
6 J. 25 70–140 100 (75) 17–30
8 J. 31 70–140 100 (75) 17–30
10 J. 37 60–120 110 (80) 14–25
12 J. 43 60–120 110 (80) 14–25

So ist die Tabelle zu lesen

  • Herz- und Atemfrequenz sind als Bereiche angegeben. Die Grenzen sind Orientierungswerte und keine scharfen Trennlinien zwischen „gesund“ und „krank“.
  • Systolischer Blutdruck: Der Median beschreibt den typischen Wert der Altersgruppe. Die P5 markiert die untere Grenze, ab der ein Wert als erniedrigt einzustufen ist.
  • Frühgeborene: Für diese Gruppe ist in der Tabelle kein Blutdruckwert hinterlegt. Hier gelten neonatologische Referenzen und lokale Standards.
  • Die Tabelle reicht bis 12 Jahre. Für ältere Kinder und Jugendliche ist die aktuelle Leitlinie heranzuziehen.

Herzfrequenz: Was ist beim Kind normal?

Die Frage „Welche Herzfrequenz ist beim Kind normal?“ hängt vor allem vom Alter ab. Bei Neugeborenen und Säuglingen bis etwa sechs Monate liegt der Normbereich bei 110–180/min. Danach sinkt er schrittweise:

  • 100–170/min mit einem Jahr
  • 90–160/min zwischen zwei und vier Jahren
  • 70–140/min zwischen fünf und acht Jahren
  • 60–120/min mit zehn bis zwölf Jahren [2, 132]

Die systematische Übersichtsarbeit von Fleming et al. zu Herz- und Atemfrequenz von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr bildet eine wesentliche Evidenzgrundlage für altersbezogene Referenzbereiche. Sie zeigt einen deutlichen Abfall beider Parameter, besonders in den ersten Lebensjahren [136]. Gleichzeitig überlappen die Bereiche benachbarter Altersgruppen breit. Ein Einzelwert knapp außerhalb des Bereichs ist daher immer im klinischen Zusammenhang zu bewerten.

Bei Kindern erfolgt die Kreislaufkompensation vor allem über die Herzfrequenz. Eine Tachykardie ist deshalb oft das erste messbare Zeichen eines drohenden Schocks. Eine Bradykardie beim kritisch kranken Kind ist dagegen ein Alarmzeichen. Im ERC-Algorithmus wird eine Bradykardie mit Minderperfusion im Arm der nicht schockbaren Rhythmen geführt, also wie ein Kreislaufstillstand behandelt [2].

Atemfrequenz: Früher Indikator, oft unterschätzt

Auch die Atemfrequenz nimmt mit dem Alter ab:

  • 25–60/min bei Früh- und Neugeborenen sowie Säuglingen bis sechs Monate
  • 20–50/min mit einem Jahr
  • 18–40/min zwischen zwei und vier Jahren
  • 17–30/min zwischen fünf und acht Jahren
  • 14–25/min mit zehn bis zwölf Jahren [2, 132]

Die Atemfrequenz ist im Notfall schwieriger zu erheben als die Herzfrequenz. Am verlässlichsten ist eine Zählung über eine volle Minute am ruhigen Kind. Eine Tachypnoe kann respiratorisch bedingt sein, aber auch metabolische Ursachen haben, etwa eine respiratorische Kompensation einer Azidose im Schock. Eine abfallende Atemfrequenz bei zunehmender Erschöpfung ist kein Zeichen der Besserung, sondern kann einen drohenden Atemstillstand ankündigen. Entscheidend ist daher die Zusammenschau mit Atemarbeit, Bewusstseinslage und Sauerstoffsättigung.

Die Tabelle des Kompendiums enthält zusätzlich das Atemzugvolumen (AZV) als Orientierung für die Beatmung, berechnet mit 7 ml/kg. Für ein einjähriges Kind mit geschätzten 10 kg ergeben sich etwa 70 ml.

Blutdruck Kind Normwerte: Median und 5. Perzentile

Bei den Blutdruck-Normwerten für Kinder unterscheidet die Tabelle zwischen Median und unterer Grenze (P5) [2, 132]:

  • Neugeborene und Säuglinge bis 6 Monate: Median 75 mmHg, P5 50 mmHg
  • 1 Jahr: Median 95 mmHg, P5 70 mmHg
  • 2–4 Jahre: Median 98 mmHg, P5 73 mmHg
  • 5–8 Jahre: Median 100 mmHg, P5 75 mmHg
  • 10–12 Jahre: Median 110 mmHg, P5 80 mmHg

Ein systolischer Wert unterhalb der P5 ist als Hypotonie zu werten. Umgekehrt schließt ein normaler Blutdruck einen Schock nicht aus. Kinder halten den Blutdruck über Tachykardie und periphere Vasokonstriktion oft lange aufrecht. Ein Blutdruckabfall zeigt daher eher eine fortgeschrittene Dekompensation an. Für die Einschätzung zählen ebenso:

  • Rekapillarisierungszeit
  • Hautkolorit und Hauttemperatur
  • Pulsqualität (zentral und peripher)
  • Bewusstseinslage
  • Urinausscheidung, sofern beurteilbar

Für die Messung ist eine altersgerechte Manschettengröße nötig. Zu kleine oder zu große Manschetten verfälschen das Ergebnis. Oszillometrische Messungen können bei Unruhe, Kälte oder Zentralisation unzuverlässig sein.

Interpretation im Notfall

Trend statt Einzelwert

Wiederholte Messungen sind aussagekräftiger als ein einzelner Wert. Eine Herzfrequenz, die unter Therapie sinkt, und eine Atemfrequenz, die sich bei gleichzeitig abnehmender Atemarbeit normalisiert, sprechen für ein Ansprechen. Fallen dagegen Werte ohne klinische Besserung ab, ist an eine Erschöpfung zu denken.

Physiologische Störfaktoren

Fieber, Schmerz, Angst, Schreien und körperliche Aktivität erhöhen Herz- und Atemfrequenz, teils deutlich über den Normbereich hinaus. Die Werte sind deshalb möglichst am beruhigten Kind zu erheben, etwa auf dem Arm einer Bezugsperson. Eine Tachykardie, die trotz Analgesie, Fiebersenkung und Beruhigung anhält, verdient besondere Aufmerksamkeit.

Strukturierte Einordnung

Bewährt hat sich die Einbettung der Vitalwerte in ein strukturiertes Vorgehen nach ABCDE. Normwerte helfen dabei, Befunde objektiv zu benennen und im Team einheitlich zu kommunizieren. Sie ersetzen aber nicht den klinischen Gesamteindruck.

Konsequenz für die Therapie

Bei Verdacht auf Hypovolämie empfiehlt ERC 2025 einen Volumenbolus von 10 ml/kg balancierter Kristalloidlösung, nach Reevaluation wiederholbar. Beim kardiogenen Schock ist ein vorsichtigeres Vorgehen angezeigt, z. B. mit 5 ml/kg [2]. Nach jedem Bolus sind die Vitalparameter erneut zu beurteilen. Die Normwerte dienen dabei als Zielkorridor, nicht als starre Zielgröße.

Übergang zur Reanimation

Reagiert ein Kind nicht und atmet nicht normal, gilt nach ERC 2025: fünf initiale Beatmungen, danach Thoraxkompressionen und Beatmung im Verhältnis 15 : 2 mit einer Kompressionsfrequenz von 100–120/min [2]. Medikamentendosierungen, Tubusgrößen und Defibrillationsenergien sind der Kinder-Notfalltabelle bzw. der aktuellen Leitlinie zu entnehmen.

Das Gewicht als gemeinsame Bezugsgröße

In der Tabelle sind die Normwerte mit einem Schätzgewicht verknüpft. Grundlage sind die APLS-Formeln [134]:

  • Säuglinge: 0,5 × Monate + 4 kg
  • 1–5 Jahre: 2 × Alter + 8 kg
  • 6–12 Jahre: 3 × Alter + 7 kg

Die Gültigkeit solcher Altersformeln wurde in Validierungsstudien untersucht [135]. Sie bleiben jedoch Schätzungen. Wenn das tatsächliche Gewicht bekannt ist, hat es Vorrang. Quellen dafür sind etwa die Angaben der Eltern, der Mutter-Kind-Pass oder ein Längenmaßband. Ab 13 Jahren bzw. ab der Pubertät ist das tatsächliche Gewicht zu erfragen.

Grenzen der Normwerte

  • Die Referenzbereiche beschreiben gesunde Kinder und gelten für typische Patientinnen und Patienten. Bei Kindern mit Herzfehler, chronischer Lungenerkrankung, neuromuskulären Erkrankungen oder unter Dauermedikation können individuelle Ausgangswerte deutlich abweichen.
  • Bei Früh- und Neugeborenen sind neonatologische Referenzen und lokale Standards zu berücksichtigen.
  • Die Evidenz zu Perzentilgrenzen ist begrenzt. Verschiedene Leitlinien und Tabellen verwenden teils unterschiedliche Bereiche [132, 133, 136].
  • Lokale Vorgaben (SOPs, Behandlungspfade) haben Vorrang.

Die vollständige Kinder-Notfalltabelle mit Vitalwerten, Atemwegsgrößen und Dosierungen ist in der Web-App „Notfall & Narkose“ und im Kitteltaschenbuch im A6-Format enthalten.

Quellen

  • [2] Djakow J, Turner NM, Skellett S et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Paediatric Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110767.
  • [132] Resuscitation Council UK. Paediatric advanced life support algorithm – 2025 Resuscitation Guidelines (Fassungen 10/2025 und V2 11/2025) sowie Paediatric Life Support Guideline 2025, Tabelle 1 „Approximate normal values“ (Wiedergabe in Medscape: Paediatric Life Support – RCUK 2025 Guideline Summary).
  • [133] Don't Forget the Bubbles. What's new – Resus Council Guidance 2025: Paediatric Life Support (Zusammenfassung der RCUK-Leitlinie 2025). dontforgetthebubbles.com, Suchstand 11/2026.
  • [134] Advanced Life Support Group (ALSG). Advanced Paediatric Life Support (APLS) – A Practical Approach to Emergencies. Altersformeln zur Gewichtsschätzung.
  • [135] Luscombe M, Owens B. Weight estimation in resuscitation: is the current formula still valid? Arch Dis Child 2007;92:412–415.
  • [136] Fleming S, Thompson M, Stevens R et al. Normal ranges of heart rate and respiratory rate in children from birth to 18 years of age: a systematic review of observational studies. Lancet 2011;377:1011–1018.

Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.

Weitere Beiträge

Kindernotfälle

Gewicht beim Kind schätzen: Formeln und ihre Grenzen

Im Kindernotfall hängen Medikamente, Volumen, Defibrillationsenergie und Beatmung vom Körpergewicht ab. Dieser Beitrag zeigt, wie die APLS-Altersformeln das Gewicht schätzen, wo ihre Grenzen liegen und welche Alternativen Vorrang haben.

6 Min. Lesezeit

Kindernotfälle

Tubusgröße beim Kind mit und ohne Cuff: Formeln, Einführtiefe, Praxis

Die Wahl von Tubusgröße und Einführtiefe gehört zu den fehleranfälligsten Schritten der Kinderintubation, besonders unter Zeitdruck im Notfall. Dieser Beitrag erklärt den Aufbau der gängigen Formeln mit und ohne Cuff, ihre Grenzen und die Kontrollschritte, die eine Schätzung absichern.

6 Min. Lesezeit

Alle Beiträge →