
Stellenwert der Defibrillation in der Reanimation
Bei defibrillierbaren Rhythmen, also Kammerflimmern (VF) und pulsloser ventrikulärer Tachykardie (pVT), ist die frühe Schockabgabe nach den ERC-Leitlinien 2025 die wirksamste kausale Intervention. Gleichzeitig hängt das Ergebnis von hochwertigen, möglichst unterbrechungsfreien Thoraxkompressionen ab. Für die Defibrillation in der Reanimation gilt daher: so früh wie möglich, so sicher wie nötig und mit so wenig Hands-off-Zeit wie möglich.
Die folgenden Abschnitte bündeln die Kernaussagen des ALS-Kapitels der ERC-Leitlinien 2025 und verweisen bei gerätespezifischen Parametern auf Herstellerangaben und den Leitlinientext.
Pad-Position am Defibrillator
Standard: anterolateral
Die anterolaterale Position ist der etablierte Standard für die Pad-Position am Defibrillator:
- Sternales Pad: rechts parasternal unterhalb der Klavikula.
- Apikales Pad: links in der mittleren Axillarlinie, auf Höhe der V6-Ableitung. Das Pad soll ausreichend lateral sitzen, damit das Myokard im Stromfluss liegt. Ein typischer Fehler ist die zu weit ventrale Platzierung.
- Selbstklebende Pads haben gegenüber Paddles Vorteile: Laden und Schockabgabe sind ohne Unterbrechung der Kompressionen bis zum Schock möglich, und das Risiko für das Team sinkt.
Alternative: anteroposterior
Die anteroposteriore Position ist eine gleichwertige Option. Dabei liegt ein Pad links präkordial und eines dorsal zwischen den Schulterblättern. Nach ERC 2025 kann ein Vektorwechsel von anterolateral auf anteroposterior bei schockrefraktärem VF erwogen werden. Die Evidenz dafür ist begrenzt. Das konkrete Vorgehen richtet sich nach dem ERC-Leitlinientext und lokalen Protokollen.
Praktische Details der Platzierung
- Thorax vorbereiten: Haut trocknen. Bei starker Behaarung, falls nötig, rasch rasieren, ohne die Schockabgabe zu verzögern.
- Transdermale Pflaster entfernen und die Stelle abwischen.
- Implantierte Aggregate (Schrittmacher, ICD): Pads nicht direkt über das Aggregat kleben. Bei Bedarf weicht man auf die anteroposteriore Position aus.
- Brustgewebe: Das apikale Pad lateral bzw. unterhalb des Brustgewebes platzieren, nicht darauf.
- Sauerstoff: Offene Sauerstoffquellen (Maske, Brille, diskonnektierter Beutel) während der Schockabgabe vom Thorax entfernen. Ein geschlossenes System über den Tubus bzw. die supraglottische Atemwegshilfe kann konnektiert bleiben.
Energiewahl: Gerät und Leitlinie
Grundsatz
Biphasische Defibrillatoren arbeiten je nach Hersteller mit unterschiedlichen Kurvenformen. Die wirksame Energie ist daher gerätespezifisch. Für die Defibrillation im Kreislaufstillstand gilt:
- Maßgeblich sind die Herstellerangaben des verwendeten Geräts und der aktuelle ERC-Leitlinientext 2025. Konkrete Joule-Werte werden hier bewusst nicht genannt.
- Bei erfolglosem Schock oder Refibrillation kann eine Energiesteigerung erwogen werden, sofern das Gerät dies zulässt. Die Details stehen in den ERC-Leitlinien 2025 (ALS).
- Teams sollten die Energieeinstellung ihres eigenen Geräts vor dem Einsatz kennen, etwa durch Geräteeinweisung oder Kitteltaschenkarte.
Abgrenzung zur synchronisierten Kardioversion
Defibrillation und synchronisierte Kardioversion werden in der Praxis leicht verwechselt. Für Tachykardien mit Puls und Instabilitätszeichen gelten eigene Energieempfehlungen (biphasisch, erster Schock):
| Rhythmus | 1. Schock | Weitere Schocks |
|---|---|---|
| Vorhofflimmern | maximale Geräteenergie | maximal |
| Vorhofflattern, paroxysmale SVT | 70–120 J | stufenweise steigern |
| VT mit Puls | 120–150 J | Steigerung erwägen (fix oder steigernd zulässig) |
Quelle: ERC 2025 ALS [1], GRC/ERC-Algorithmus Peri-Arrest-Tachykardien [116]
Wichtige Sicherheitspunkte dazu:
- Im Kreislaufstillstand niemals synchronisieren. Bei VF findet das Gerät keine R-Zacke und gibt keinen Schock ab. Vor jeder Defibrillation muss der Synchronmodus ausgeschaltet sein.
- Umgekehrt schalten manche Geräte bei der Kardioversion nach dem Schock auf asynchron zurück. Vor jedem weiteren synchronisierten Schock muss die Synchronisation daher erneut geprüft werden [116].
- Polymorphe VT lässt sich oft nicht synchronisieren. Hier ist ein unsynchronisierter Schock mit Defibrillationsenergie angezeigt. Instabile Torsade de pointes wird defibrilliert [1, 116].
Schockabgabe nach ERC 2025: der sichere Ablauf
Die Schockabgabe nach ERC 2025 folgt dem Prinzip „kurz unterbrechen, sicher schocken, sofort weiterdrücken“.
Schritt für Schritt
- Kompressionen laufen weiter, während die Pads geklebt werden.
- Rhythmusanalyse mit einer kurzen, angekündigten Pause.
- Defibrillierbarer Rhythmus erkannt: Kompressionen sofort wieder aufnehmen und den Defibrillator unter laufenden Kompressionen laden.
- Sicherheitscheck während des Ladens: Sauerstoff weg, niemand berührt Patient:in, Trage oder Beatmungsbeutel. Die schockgebende Person kündigt klar an, zum Beispiel „Laden – alle weg außer Kompression – Sauerstoff weg“.
- Kompressionen kurz stoppen, Rhythmus bestätigen, „Weg vom Patienten!“, Sichtkontrolle, Schock.
- Unmittelbar weiter komprimieren, ohne Puls- oder Rhythmuskontrolle direkt nach dem Schock. Die nächste Analyse erfolgt am Ende des Zyklus gemäß ALS-Algorithmus.
- Abbrechen und entladen, wenn sich der Rhythmus bei der Bestätigung als nicht defibrillierbar erweist. Danach sofort weiter komprimieren.
Kompressionspausen minimieren
Die Pause vor und nach dem Schock soll so kurz wie möglich sein. Bewährt haben sich:
- Laden während der Kompressionen statt in der Pause.
- Klare Rollenverteilung: Teamleitung, Defibrillation, Kompression, Atemweg.
- Vorab angekündigte Wechsel der komprimierenden Person, kombiniert mit der Analysepause.
- Keine Atemwegs- oder Zugangsmaßnahmen, die eine zusätzliche Pause erzwingen.
- Kapnographie als Hinweis auf ROSC nutzen, anstatt routinemäßig Pausen für Pulskontrollen einzulegen.
Beobachteter Stillstand am Monitor
Bei beobachtetem und überwachtem Stillstand mit sofort verfügbarem Defibrillator, etwa im Herzkatheterlabor, auf der Intensivstation oder im Aufwachraum, sehen die ERC-Leitlinien 2025 bis zu drei rasch aufeinanderfolgende Schocks vor. Für die medikamentöse Therapie zählen diese drei Serienschocks als ein Schock [1].
Medikamente im Kontext der Schockzählung
Die Antiarrhythmika-Gabe richtet sich nach der Gesamtzahl der Schocks bei anhaltendem oder wiederkehrendem VF/pVT [1]:
| Zeitpunkt | Wirkstoff | Dosis (Erwachsene) |
|---|---|---|
| nach dem 3. Schock | Amiodaron | 300 mg i.v./i.o. |
| nach dem 5. Schock | Amiodaron | 150 mg i.v./i.o. |
| Alternative, wenn Amiodaron fehlt oder lokal festgelegt | Lidocain | 100 mg, dann 50 mg |
Adrenalin wird gemäß ALS-Algorithmus gegeben. Dosis und Zeitpunkt sind der aktuellen ERC-Leitlinie 2025 zu entnehmen. Im Kreislaufstillstand bestehen für Amiodaron keine Kontraindikationen.
Kinder: Amiodaron wird mit 5 mg/kg i.v./i.o. (max. 300 mg) nach dem 3. Schock gegeben. Die 2. Gabe mit 5 mg/kg (dann max. 150 mg) folgt nach dem 5. Schock [2]. Präparate mit Benzylalkohol sind laut Produktinformation bei Neugeborenen, Säuglingen und Kindern bis 3 Jahre kontraindiziert. Energiewahl und Pad-Größe bzw. -Position bei Kindern richten sich nach den ERC-Leitlinien 2025 Paediatric Life Support.
Nach erfolgreicher Defibrillation
Nach ROSC sollen unmittelbar ABCDE-Beurteilung und 12-Kanal-EKG folgen. Bei ST-Hebung ist die sofortige Koronarangiographie angezeigt [3]. Die Zielwerte lauten:
- SpO₂ 94–98 %
- Normokapnie
- systolischer Blutdruck > 100 mmHg bzw. MAP > 60–65 mmHg
Bei wiederkehrenden oder therapierefraktären Rhythmusstörungen nach ROSC sollen Elektrolyte (K⁺, Mg²⁺) ausgeglichen und eine Ischämie behandelt werden. Antiarrhythmika bzw. Kardioversion richten sich nach dem Tachykardie-Algorithmus [3, 116]. Die Pads bleiben kleben, da eine Refibrillation jederzeit möglich ist.
Typische Fehlerquellen
- Apikales Pad zu weit ventral oder auf dem Brustgewebe platziert.
- Synchronmodus im Stillstand versehentlich aktiv.
- Laden erst in der Kompressionspause, was die Hands-off-Zeit verlängert.
- Puls- oder Rhythmuskontrolle direkt nach dem Schock statt sofortiger Kompression.
- Unklare Kommunikation vor der Schockabgabe und offene Sauerstoffquelle am Thorax.
- Fehlerhafte Schockzählung, was zu falschem Timing der Amiodaron-Gabe führt.
Fazit
Eine erfolgreiche Defibrillation in der Reanimation stützt sich auf vier Punkte: korrekte Pad-Position (anterolateral, alternativ anteroposterior), Energiewahl nach Herstellerangabe und Leitlinie, Laden unter laufenden Kompressionen und einen standardisierten, klar kommunizierten Sicherheitsablauf. Zum schockrefraktären VF, etwa zum Vektorwechsel, ist die Evidenz begrenzt. Hier sind der aktuelle ERC-Leitlinientext und lokale Protokolle maßgeblich.
Quellen
- Soar J, Böttiger BW et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110769 (Korrigendum 2026).
- Djakow J, Turner NM, Skellett S et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Paediatric Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110767.
- Nolan JP, Sandroni C et al. European Resuscitation Council and European Society of Intensive Care Medicine Guidelines 2025 Post-Resuscitation Care. Resuscitation 2025 / Intensive Care Med 2025;51:2213–2288.
- Kurzfassung der Leitlinien des European Resuscitation Council 2025. Notfall Rettungsmed 2025.
- German Resuscitation Council (GRC) / European Resuscitation Council (ERC). Algorithmus Peri-Arrest-Tachykardien bei Erwachsenen, Leitlinien 2025 (deutsche Fassung). [116]
Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.


