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Notfall-App für Ärzte: Worauf es im Einsatz wirklich ankommt

Im Notarzteinsatz, im Schockraum und bei der Narkoseeinleitung zählt bei einer Notfall-App nicht der Funktionsumfang, sondern ob sie eine Dosis schnell, nachvollziehbar und mit Quelle liefert. Dieser Beitrag beschreibt prüfbare Anforderungen an eine Notfall-App für Ärzte: gewichtsbezogene Dosierung, Konzentrationsangaben, Quellen, Leitlinienstand, Ausfallsicherheit und die Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland.

Praxis & Einsatz · 7 Min. Lesezeit · Ärztlich geprüft am 1. November 2026 · English version

Illustration zum Beitrag Notfall-App für Ärzte: Worauf es im Einsatz wirklich ankommt

Ein anderer Anspruch als an ein Nachschlagewerk

Eine Notfall-App für Ärzte wird selten am Schreibtisch benutzt. Typisch sind die laufende Reanimation, das kranke Kind auf der Trage oder eine unerwartete Kreislaufinstabilität bei der Narkoseeinleitung. Der Kontext ist hektisch und das Licht oft schlecht, Unterbrechungen sind häufig. Eine Notfall App für den Arzt muss deshalb zwei Ziele zugleich erfüllen: Sie muss schnell sein, und jede angezeigte Zahl muss bis zu ihrer Quelle nachvollziehbar bleiben.

Die folgenden Kriterien helfen, eine Notarzt App oder ein digitales Kompendium vor dem Einsatz kritisch zu prüfen.

1. Gewichtsbezogene Dosierung: Rechenweg sichtbar machen

Gewichtsadaptierte Dosierungen sind vor allem in der Kindernotfallmedizin fehleranfällig. Eine brauchbare App zeigt deshalb nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Rechenschritte:

  • Dosis pro kg mit Einheit, also mg/kg oder µg/kg
  • Maximaldosis, die nicht überschritten werden darf
  • Konzentration der aufgezogenen Lösung, einschließlich Verdünnung
  • Volumen in ml, das tatsächlich gespritzt wird

Beispiel Kinderreanimation

Nach den ERC-Leitlinien 2025 (Paediatric Life Support) beträgt die Adrenalindosis 0,01 mg/kg (10 µg/kg) i.v./i.o., maximal 1 mg, alle 4 Minuten. Bei einer Verdünnung auf 0,1 mg/ml (1 mg ad 10 ml NaCl 0,9 %) entsprechen 10 µg/kg genau 0,1 ml/kg. Ein Kind mit 20 kg erhält demnach 0,2 mg, also 2 ml. Beim nicht schockbaren Rhythmus wird Adrenalin so früh wie möglich gegeben (innerhalb von 3 min), beim schockbaren Rhythmus nach dem 3. und 5. Schock und danach alle 4 Minuten.

Für Amiodaron bei VF/pVT nennt dieselbe Leitlinie 5 mg/kg i.v./i.o. nach dem 3. Schock, maximal 300 mg. Die 2. Gabe erfolgt nach dem 5. Schock und ist dann auf maximal 150 mg begrenzt. Hier zeigt sich, welche Zusatzinformationen eine App mitliefern sollte: Laut Produktinformation sind amiodaronhaltige Präparate mit Benzylalkohol bei Neugeborenen, Säuglingen und Kindern bis 3 Jahre kontraindiziert. Das verwendete Präparat ist daher zu prüfen.

Nicht jede Dosis richtet sich nach dem Körpergewicht

Eine Notfall-App sollte auch andere Bezugsgrößen abbilden. Ein Beispiel ist Hydrocortison in der Nebennierenkrise bei Kindern: 50 mg/m² Körperoberfläche (max. 100 mg) i.v. oder i.m. als Bolus, nach der Leitlinie der Endocrine Society (2016). Dafür braucht es eine hinterlegte Formel zur Berechnung der Körperoberfläche, und es muss klar angegeben sein, welche Formel verwendet wird.

Grenzen von Rechenwerten

Rechner rechnen ausschließlich die eingegebenen Werte nach den angegebenen Formeln um. Sie stellen keine Diagnose, ersetzen keine Indikationsstellung und entbinden nicht von der Kontrolle des Ergebnisses. Tabellenwerte gelten für typische Patientinnen und Patienten. Bei Adipositas, Kachexie, Organinsuffizienz, Schwangerschaft, hohem Alter sowie bei Früh- und Neugeborenen sind individuelle Anpassungen erforderlich. Eine seriöse App benennt diese Grenzen ausdrücklich.

2. Konzentration und Zubereitung als Fehlerquelle

Viele Dosierungsfehler entstehen nicht bei der Berechnung, sondern bei der Umrechnung von mg in ml. Konzentrationen von Handelspräparaten unterscheiden sich zwischen Herstellern und Ländern. Eine Notarzt App sollte deshalb zu jeder Dosis die zugrunde gelegte Konzentration nennen.

Lidocain ist ein typisches Beispiel. Im Handel sind eine 1 %- und eine 2 %-Lösung erhältlich. 100 mg entsprechen bei 2 % (20 mg/ml) 5 ml, bei 1 % (10 mg/ml) dagegen 10 ml. Nach der Kurzfassung der ERC-Leitlinien 2025 ist Lidocain bei refraktärem oder wiederkehrendem VF/pVT eine Alternative zu Amiodaron: 100 mg i.v./i.o. nach dem 3. Schock und 50 mg nach dem 5. Schock. Lidocain wird nur eingesetzt, wenn Amiodaron nicht verfügbar ist oder lokal festgelegt wurde, und nicht mit Amiodaron kombiniert. Als Antiarrhythmikum sind nur Lösungen ohne Adrenalinzusatz geeignet.

Auch bei Trockensubstanzen hängt das Ergebnis von der Zubereitung ab. Hydrocortison 100 mg, gelöst in 2 ml, ergibt 50 mg/ml. Das Lösungsmittelvolumen ist jedoch je nach Präparat zu prüfen.

3. Eine Quelle für jede einzelne Dosierung

Ein allgemeiner Hinweis wie „nach aktuellen Leitlinien“ genügt nicht. Jede einzelne Dosierungsangabe sollte mit ihrer konkreten Quelle verknüpft sein: Leitlinie mit Jahr und Fundstelle oder die jeweilige Fachinformation. Nur dann lässt sich im Zweifel rasch klären, ob eine Angabe auf einer Empfehlung, einer Zulassung oder einem Expertenkonsens beruht. Off-Label-Angaben müssen als solche gekennzeichnet sein.

Ebenso wichtig ist ein transparenter Korrekturprozess. Medizin entwickelt sich weiter, und Fehler sind trotz sorgfältiger Prüfung nie völlig auszuschließen. Nutzerinnen und Nutzer sollten Fehler melden können, und Korrekturen sollten nachvollziehbar in neue Versionen einfließen. Sinnvoll ist auch, den redaktionellen Prüf- und Freigabestatus einzelner Kapitel offenzulegen.

4. Leitlinienstand transparent ausweisen

Innerhalb einer App kann der Leitlinienstand je nach Thema unterschiedlich sein. Für die Reanimation gelten die ERC-Leitlinien 2025. Andere Indikationen beruhen auf älteren oder anderen Leitlinien. Am Beispiel Hydrocortison:

  • Nebennierenkrise bei Erwachsenen: 100 mg i.v. oder i.m. als Bolus, danach 200 mg/24 h. Quelle ist die gemeinsame Leitlinie der European Society of Endocrinology und der Endocrine Society (2024).
  • Nebennierenkrise bei Kindern: Endocrine Society (2016).
  • Septischer Schock mit anhaltendem Vasopressorbedarf: 200 mg/24 h i.v. nach der Surviving Sepsis Campaign (2021). Zu erwägen, wenn Noradrenalin ≥ 0,25 µg/kg/min über mindestens 4 Stunden nötig ist.

Eine Notfall-App für Ärzte sollte den Stand jeder Empfehlung sowie den Versionsstand der App selbst klar angeben. Für die Bewertung ist die Aktualität einer einzelnen Angabe aussagekräftiger als ein allgemeines Aktualisierungsdatum.

5. Offline-Verfügbarkeit und Ausfallsicherheit

Im Keller, im Hubschrauber, in ländlichen Tälern oder in abgeschirmten OP-Bereichen ist der Netzempfang oft unzuverlässig. Vor dem Einsatz sollten Sie deshalb klären:

  • Funktionieren Inhalte und Rechner ohne Netzverbindung, und in welchem Umfang?
  • Wie erkennt man, ob die lokal gespeicherte Version aktuell ist?
  • Was passiert bei leerem Akku oder Geräteausfall?

Unabhängig von der Technik empfiehlt sich eine analoge Rückfallebene, etwa eine gedruckte Kurzfassung oder lokale Notfalltabellen. Gerade bei der Kinderreanimation ist eine griffbereite Tabelle mit Gewicht, Dosis und Volumen ein bewährter Backup.

6. Länderfassungen Österreich und Deutschland, lokale Vorgaben

Notärzt:innen und Anästhesie-Teams im deutschsprachigen Raum arbeiten mit unterschiedlichen Arzneimittelverfügbarkeiten, Präparatekonzentrationen und Kompetenzregelungen. Eine App für Österreich und Deutschland sollte deshalb erkennbar machen, auf welche Fachinformation sich eine Angabe bezieht. Zudem sollte sie darauf hinweisen, dass Präparate je nach Land abweichen können.

Unabhängig davon gilt: Lokale Vorgaben haben Vorrang. Dazu zählen SOPs, Behandlungspfade, Kompetenzregelungen und Arzneimittellisten der Einrichtung oder des Rettungsdienstes. Eine App ergänzt diese Vorgaben, ersetzt sie aber nicht. Das Lidocain-Beispiel zeigt es: Ob Lidocain statt Amiodaron eingesetzt wird, kann lokal festgelegt sein.

7. Bedienbarkeit unter Stress

  • Wenige Schritte bis zur Dosis: Die wichtigsten Informationen für die Reanimation sollten ohne lange Navigation erreichbar sein.
  • Gut lesbar: große Zahlen, eindeutige Einheiten (mg und µg klar unterscheidbar), Dezimalkomma konsistent.
  • Keine Mehrdeutigkeit: Applikationsweg, Intervall und Maximaldosis stehen direkt bei der Dosis.
  • Warnhinweise im Kontext: Kontraindikationen und Präparatehinweise stehen dort, wo dosiert wird.

Checkliste zur Auswahl

  • Ist zu jeder Dosis eine konkrete Quelle angegeben?
  • Sind Konzentration, Verdünnung und Volumen in ml angegeben?
  • Sind Maximaldosen und Off-Label-Angaben gekennzeichnet?
  • Ist der Leitlinienstand je Thema erkennbar, für die Reanimation also ERC 2025?
  • Ist klar, was ohne Netz funktioniert, und gibt es eine analoge Rückfallebene?
  • Werden Grenzen der Rechner und die Vorrangstellung lokaler SOPs benannt?
  • Gibt es einen nachvollziehbaren Weg, Fehler zu melden?

Einordnung

„Notfall & Narkose“ wird von Dr. med. univ. Daniel Pehböck, DESA, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Notarzt in Tirol, herausgegeben. Anbieter ist die PL Simulation Tirol GmbH. Das Kompendium ist als Web-App (Gratis-Bereich, Vollzugang im Abo) und als gedrucktes Kitteltaschenbuch im Format A6 erhältlich. Es richtet sich an medizinisches Fachpersonal. Die oben genannten Kriterien gelten für jede Notfall-App gleichermaßen, auch für diese.

Quellen

  • Djakow J, Turner NM, Skellett S et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Paediatric Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110767.
  • Kurzfassung der Leitlinien des European Resuscitation Council 2025. Notfall Rettungsmed 2025.
  • Beuschlein F et al. European Society of Endocrinology and Endocrine Society Joint Clinical Guideline: Diagnosis and therapy of glucocorticoid-induced adrenal insufficiency. Eur J Endocrinol 2024;190:G25–G51.
  • Bornstein SR et al. Diagnosis and Treatment of Primary Adrenal Insufficiency: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab 2016;101:364–389.
  • Evans L et al. Surviving Sepsis Campaign: International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock 2021. Intensive Care Med 2021;47:1181–1247.

Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.

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