
Zwei Werkzeuge, zwei Arbeitsweisen
Die Frage „Kitteltaschenbuch Notfallmedizin oder App?“ wird oft als Entweder-oder gestellt. In der Praxis von Notärzt:innen und Anästhesie-Teams sind die beiden Medien eher Ergänzung als Konkurrenz. Ein Notfall Kitteltaschenbuch liefert eine feste, sofort lesbare Struktur. Eine Notfallmedizin App kann dagegen individuell rechnen und Inhalte zentral aktualisieren.
Entscheidend ist weniger das Medium selbst als die Passung zur Situation: Wie zeitkritisch ist die Entscheidung? Ist die Dosis fix oder gewichtsabhängig? Muss eine Laufrate in ml/h bestimmt werden? Die folgenden Beispiele stammen aus dem Kompendium „Notfall & Narkose“, das als gedrucktes Kitteltaschenbuch im Format A6 und als Web-App vorliegt.
Wo Papier schneller ist
Reanimation: feste Dosen, klare Zeitpunkte
Im Kreislaufstillstand sind viele Medikamentendosen für Erwachsene nicht gewichtsabhängig, sondern an Algorithmusschritte gebunden. Ein Beispiel ist Lidocain als Alternative zu Amiodaron bei VF/pVT nach ERC 2025:
- 100 mg i.v./i.o. nach dem 3. Schock (bei 2 %-Lösung = 5 ml)
- 50 mg i.v./i.o. nach dem 5. Schock (= 2,5 ml)
Lidocain wird nur eingesetzt, wenn Amiodaron nicht verfügbar ist oder lokal Lidocain festgelegt wurde. Beide Substanzen werden nicht kombiniert.
Für solche Informationen braucht es keinen Rechenschritt. Eine aufgeschlagene Seite zeigt Dosis, Volumen und Zeitpunkt auf einen Blick. Gerät, Entsperren und Navigation entfallen.
Ähnlich verhält es sich bei Magnesiumsulfat bei Torsade de pointes. Nach ERC 2025 werden 2 g i.v. über 10 min gegeben, bei Bedarf einmal wiederholt. Im Kreislaufstillstand werden 2 g i.v. über 1–2 min empfohlen. Bei 50 %-Lösung entspricht das jeweils 4 ml.
Rahmenbedingungen am Einsatzort
Unabhängig vom Inhalt sprechen einige praktische Faktoren für Papier:
- Keine technische Abhängigkeit: kein Akku, kein Startvorgang, keine Anmeldung, keine Abhängigkeit von Netzabdeckung oder Endgerät.
- Handschuhe und Umgebung: Mit kontaminierten oder nassen Handschuhen ist ein Touchscreen oft schlecht bedienbar. Ein Buch lässt sich auch von einer zweiten Person halten.
- Übersicht: Eine Doppelseite zeigt Dosierung, Kontraindikationen und Hinweise gleichzeitig. Das erleichtert das laute Vorlesen im Team (Closed-Loop-Kommunikation).
- Gewohnte Fundstellen: Wer regelmäßig mit demselben Buch arbeitet, findet häufig genutzte Seiten nach kurzer Zeit „blind“.
Wo die App mit genauem Gewicht rechnet
Gewichtsbasierte Dosierung zwischen den Tabellenzeilen
Gedruckte Dosistabellen arbeiten zwangsläufig mit Gewichtsstufen. Beim Lorazepam im Status epilepticus bei Kindern (1. Stufe) gilt 0,1 mg/kg i.v. langsam, maximal 4 mg, ggf. einmal wiederholen (Glauser et al. 2016). Die Tabelle des Kompendiums führt unter anderem diese Stufen:
- 10 kg → 1 mg (0,5 ml der 2 mg/ml-Lösung)
- 15 kg → 1,5 mg (0,75 ml)
- 20 kg → 2 mg (1 ml)
Liegt das geschätzte Gewicht zwischen zwei Zeilen, muss mit dem Buch interpoliert oder im Kopf gerechnet werden. Unter Zeitdruck ist das eine bekannte Fehlerquelle. Die App rechnet mit dem eingegebenen Gewicht und zeigt Dosis und Volumen direkt an.
Zu beachten ist außerdem: Lorazepam liegt als 2 mg/ml vor und wird vor i.v.-Gabe 1:1 verdünnt. Das Volumen der Endlösung ändert sich entsprechend.
Höchstdosen sichtbar machen
Beim Erwachsenen gilt für Lorazepam in der 1. Stufe ebenfalls 0,1 mg/kg i.v., maximal 4 mg (S2k-Leitlinie Status epilepticus). In der Tabelle des Kompendiums ist ab 50 kg durchgehend die Höchstdosis von 4 mg (2 ml) erreicht. Ob Buch oder App: Entscheidend ist, dass die Begrenzung explizit ausgewiesen wird und nicht rechnerisch überschritten werden kann.
Die Leitlinie weist zugleich auf Unterdosierung als häufigen Fehler hin. Die Höchstdosis ist also kein Grund, zu zurückhaltend zu dosieren.
Laufraten am Perfusor
Besonders deutlich wird der Nutzen der Berechnung bei kontinuierlichen Infusionen. Dexmedetomidin zur Sedierung von Intensivpatient:innen (Ziel RASS 0 bis −3) wird laut Fachinformation mit 0,7 µg/kg/h begonnen und auf 0,2–1,4 µg/kg/h titriert. Verwendet wird eine Verdünnung von 4 µg/ml, das Konzentrat (100 µg/ml) wird nie unverdünnt gegeben.
Für 80 kg ergibt sich laut Tabelle ein Bereich von 16–112 µg/h, das entspricht 4–28 ml/h. Für andere Gewichte und jede Titrationsstufe muss die Rate neu bestimmt werden. Eine App reduziert hier Kopfrechnen und Umrechnungsfehler zwischen µg/kg/h, µg/h und ml/h.
Zu beachten sind außerdem:
- Laut Fachinformation keine Aufsättigungsdosis in dieser Indikation, wegen Bradykardie und Hypotonie bzw. Hypertonie.
- Behördlicher Warnhinweis der EMA (2022) zur erhöhten Mortalität bei Intensivpatient:innen ≤ 65 Jahre in der SPICE-III-Studie. Nutzen und Risiko sind individuell abzuwägen.
Was keines der beiden Medien abnimmt
Weder ein Notfall Kitteltaschenbuch noch eine App ersetzen die folgenden Schritte:
- Konzentration auf dem Etikett prüfen. Lidocain ist als 1 %- und 2 %-Lösung im Handel. Magnesiumsulfat liegt je nach Präparat und Land als 10 %, 20 % oder 50 % vor und wird teils in g Salz, teils in mmol deklariert. Eine korrekt berechnete Dosis führt bei falscher Ampulle zum falschen Volumen.
- Gewicht realistisch schätzen. Die Präzision einer App-Berechnung ist nur so gut wie die Gewichtsangabe. Eine auf die Kommastelle genaue Rate suggeriert eine Genauigkeit, die eine Schätzung im Einsatz nicht hat.
- Nach Wirkung titrieren. Bei Fentanyl zur Analgesie bei Spontanatmung nennt die Fachinformation 50–200 µg i.v. initial. Im Notfall wird niedrig begonnen (z. B. 50 µg) und nach Wirkung titriert. Bei Älteren, Hypovolämie und Kombination mit Sedativa wird reduziert. Monitoring (SpO₂, möglichst etCO₂) und Beatmungsmöglichkeit sind obligat. Die klinische Reaktion ist hier wichtiger als jede Tabelle.
- Kontraindikationen und Warnhinweise lesen. Beispiele sind AV-Block, Myasthenia gravis oder Leberfunktionsstörung, je nach Substanz.
Aktualität und Leitlinienstand
Ein strukturelles Argument für die App ist die zentrale Aktualisierung. Leitlinien ändern sich, und auch Korrekturen nach Publikation kommen vor: Die ERC-Leitlinie 2025 zum Adult Advanced Life Support wurde 2026 durch ein Korrigendum ergänzt.
Bei anderen Quellen ist der Stand ausdrücklich im Fluss. Die S2k-Leitlinie Status epilepticus im Erwachsenenalter ist laut AWMF-Register in Überarbeitung (Stand 10/2026 keine Neufassung).
Ein gedrucktes Buch bildet den Stand zum Redaktionsschluss ab. Bei der Nutzung sollte daher die Auflage bzw. der Leitlinienstand bewusst sein. Umgekehrt gilt auch für digitale Inhalte: Ein Änderungsdatum und die Quellenangabe pro Dosierung machen nachvollziehbar, worauf eine Empfehlung beruht.
Praktische Kombination im Einsatz
Aus den genannten Unterschieden lässt sich eine pragmatische Arbeitsteilung ableiten:
- Buch für zeitkritische Fixdosen und Algorithmen: Reanimation, Torsade, Erstmaßnahmen, bei denen jede Sekunde für Gerätebedienung fehlt.
- App für gewichtsabhängige Dosen und Laufraten: Kindernotfall zwischen Gewichtsstufen, Perfusoreinstellungen, Dosisanpassung bei Titration.
- Buch als Rückfallebene: bei leerem Akku, fehlendem Netz oder Geräteproblemen.
- App für Vorbereitung und Nachbereitung: Nachlesen von Hinweisen, Kontraindikationen und Quellen außerhalb der Akutsituation.
- Vier-Augen-Prinzip: Eine Person liest im Buch oder in der App, eine zweite zieht auf und prüft das Etikett. Dosis und Volumen werden laut kommuniziert.
Fazit
Das gedruckte Kitteltaschenbuch ist dort im Vorteil, wo Information ohne Rechenschritt sofort sichtbar sein muss und technische Abhängigkeiten stören. Die Notfallmedizin App spielt ihre Stärke aus, wenn mit einem individuellen Körpergewicht gerechnet, eine Laufrate bestimmt oder ein aktualisierter Leitlinienstand abgebildet werden soll.
Belastbare vergleichende Studien zur Fehlerrate beider Medien im präklinischen Einsatz sind begrenzt. Die Kombination ist daher vor allem eine pragmatische Abwägung. In beiden Fällen bleiben Etikettenkontrolle, realistische Gewichtsschätzung und klinische Titration ärztliche Aufgabe.
Quellen
- Kurzfassung der Leitlinien des European Resuscitation Council 2025. Notfall Rettungsmed 2025.
- Soar J, Böttiger BW et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110769 (Korrigendum 2026).
- Lott C et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025: Special Circumstances in Resuscitation. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110753.
- Rosenow F, Weber J et al. S2k-Leitlinie Status epilepticus im Erwachsenenalter. Deutsche Gesellschaft für Neurologie gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN), 2020; AWMF-Register 030-079, korrigierte Registerfassung 03/2022, gültig bis 29.06.2025 – laut AWMF-Register in Überarbeitung (Stand 10/2026 keine Neufassung). Publikation: Nervenarzt 2021.
- Glauser T, Shinnar S, Gloss D et al. Evidence-based guideline: Treatment of convulsive status epilepticus in children and adults. Report of the Guideline Committee of the American Epilepsy Society. Epilepsy Curr 2016;16:48–61.
- Fachinformation (EPAR) Dexmedetomidin 100 Mikrogramm/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, EMA – aktuelle Fassung.
- Fachinformation Fentanyl 0,05 mg/ml Injektionslösung (Fentanylcitrat) – aktuelle Fassung.
Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.
