
Reanimation 2025: Änderungen im Überblick
Mit den ERC-Leitlinien 2025 liegt für Europa ein aktualisierter Standard für Basismaßnahmen, erweiterte Reanimation und Postreanimationsbehandlung vor. Die Schwerpunkte dieses Beitrags:
- Erwachsene (ALS): Festlegungen zum ALS-Algorithmus mit Kompressionsqualität, Schockzählung, Defibrillation, Atemweg und Postreanimationsbehandlung.
- Neugeborene (NLS): Die Leitlinie benennt hier ausdrücklich, was sich gegenüber 2021 geändert hat.
- Kinder (PLS): Die pädiatrischen Empfehlungen werden hier nicht im Detail besprochen. Maßgeblich ist das entsprechende Kapitel der ERC-Leitlinien 2025.
Erwachsene: der ALS-Algorithmus 2025
Qualität der Thoraxkompressionen
Die Basis bleibt unverändert: hochwertige Herzdruckmassage mit minimalen Unterbrechungen. Nach ERC 2025 gelten:
- Druckpunkt: Mitte des Brustkorbs (untere Sternumhälfte)
- Tiefe: 5–6 cm
- Frequenz: 100–120/min
- Entlastung: vollständig, die Hände bleiben am Thorax
- Verhältnis: 30 : 2. Mit Tubus oder supraglottischem Atemweg (SGA) wird kontinuierlich komprimiert, dazu 10 Beatmungen/min. Bei relevantem Leck des SGA wird wieder 30 : 2 durchgeführt.
- Pause vor dem Schock: so kurz wie möglich (< 5 s). Während des Ladens wird weitergedrückt.
- Helferwechsel: alle 2 min, bei jeder Rhythmusanalyse
Medikamente: Zeitpunkt richtet sich nach der Schockzahl
Der ALS-Algorithmus arbeitet in 2-Minuten-Zyklen mit Rhythmusanalyse. Für die Medikamentengabe gilt nach ERC 2025:
| Rhythmus | Adrenalin 1 mg i.v./i.o. | Amiodaron i.v./i.o. |
|---|---|---|
| Schockbar (VF/pulslose VT) | nach dem 3. Schock, dann alle 3–5 min | 300 mg nach dem 3. Schock, 150 mg nach dem 5. Schock |
| Nicht schockbar (Asystolie/PEA) | so früh wie möglich, dann alle 3–5 min | – |
Alternativ zu Amiodaron kann Lidocain 100 mg bzw. 50 mg gegeben werden. Für die Praxis gibt es zwei Präzisierungen:
- Gesamtzahl der Schocks: Die Amiodaron-Gaben richten sich nach der Gesamtzahl der abgegebenen Schocks (3 bzw. 5). Es spielt keine Rolle, ob das Kammerflimmern anhält oder wiederkehrt.
- Beobachteter Stillstand am Monitor, etwa im Herzkatheterlabor: Bis zu drei Schocks können in rascher Folge abgegeben werden. Für den Zeitpunkt von Adrenalin und Amiodaron zählt diese Dreierserie als ein Schock.
Defibrillation und refraktäres Kammerflimmern
- Biphasisch (rectilinear bzw. truncated exponential): erster Schock mit mindestens 150 J.
- Gepulst biphasisch: erster Schock mit 130–150 J.
- Erfolgloser Schock: Erlaubt es das Gerät, wird die Energie für Folgeschocks gesteigert. Ist die empfohlene Einstellung unbekannt, wird für alle Schocks die höchste Energie gewählt.
- Refraktäres VF (anhaltend nach 3 Schocks): Zuerst die korrekte Pad-Lage prüfen, dann einen Vektorwechsel auf anterior–posterior erwägen.
- Doppelte sequenzielle Defibrillation mit zweitem Gerät (anterior–lateral und anterior–posterior): Die Evidenz ist schwach. ILCOR 2025 hält das Verfahren bei refraktärem VF für erwägbar.
Zugang, Atemweg und Kapnographie
- Zugang: zuerst intravenös. Intraossär, wenn der i.v.-Zugang nicht rasch gelingt.
- Atemweg stufenweise: Beutel-Maske, dann SGA oder Intubation. Die Intubation ist nur angezeigt, wenn eine hohe Erfolgsrate besteht (> 95 % in ≤ 2 Versuchen) und die Kompressionspause unter 5 s bleibt.
- Kapnographie mit Kurve ist obligat. Sie dient zur Tubuslagekontrolle, zur Beurteilung der Kompressionsqualität und zeigt mit einem plötzlichen etCO₂-Anstieg einen möglichen ROSC an. Ein niedriges etCO₂ allein ist kein Abbruchkriterium.
- Sauerstoff: während der Reanimation in höchstmöglicher Konzentration.
Reversible Ursachen, POCUS und eCPR
Die Suche nach reversiblen Ursachen folgt weiterhin dem Schema „4 H und HITS“:
- 4 H: Hypoxie, Hypovolämie, Hypo-/Hyperkaliämie bzw. metabolische Störungen, Hypo-/Hyperthermie
- HITS: Herzbeuteltamponade, Intoxikation, Thrombose (koronar, pulmonal), Spannungspneumothorax
Point-of-Care-Ultraschall soll nur durch Geübte und ohne zusätzliche Kompressionspausen eingesetzt werden. Bei ausgewählten Patient:innen kann eCPR als Rettungsmaßnahme erwogen werden, wenn konventionelle Maßnahmen versagen und ein System verfügbar ist. Wichtig ist, frühzeitig daran zu denken.
Nach ROSC: Zielwerte
Die gemeinsame Leitlinie von ERC und ESICM zur Postreanimationsbehandlung nennt folgende Ziele:
| Bereich | Ziel |
|---|---|
| Oxygenierung | SpO₂ 94–98 %, sobald zuverlässig messbar; Hypoxämie und Hyperoxämie vermeiden |
| Ventilation | Normokapnie (PaCO₂ 35–45 mmHg) |
| Kreislauf | systolisch > 100 mmHg bzw. MAP > 60–65 mmHg |
| Temperatur | Fieber aktiv vermeiden: ≤ 37,5 °C für mindestens 72 h bei weiterhin komatösen Patient:innen |
| Diagnostik | 12-Kanal-EKG, bei Bedarf wiederholen; bei persistierender ST-Hebung notfallmäßige Koronarangiographie (ggf. PCI) |
Kinder: PLS
Die pädiatrischen Empfehlungen der ERC-Leitlinien 2025 sind nicht Gegenstand dieses Überblicks. Für Dosierungen und Algorithmus wird auf das PLS-Kapitel der Leitlinie verwiesen.
Ein Berührungspunkt mit der Neugeborenenversorgung ist praxisrelevant: Präklinisch kann bei Neugeborenen der NLS- oder der PLS-Algorithmus verwendet werden. Empfohlen ist der vertrautere. Bei Bedarf kann gewechselt werden, und Hilfe sollte frühzeitig nachgefordert werden.
Neugeborene: Neu gegenüber 2021
Bei der Neugeborenenreanimation weisen die ERC-Leitlinien 2025 die Änderungen ausdrücklich aus. Die meisten Neugeborenen benötigen ausschließlich eine wirksame Beatmung.
Beatmung und Sauerstoff
- Start-Sauerstoff in nur noch zwei Stufen: ≥ 32 SSW mit 21 % (Raumluft), < 32 SSW mit ≥ 30 %.
- PEEP und CPAP einheitlich 6 cmH₂O. Spontan atmende Frühgeborene < 32 SSW mit Atemnot erhalten als erste Atemunterstützung CPAP 6 cmH₂O.
- Blähbeatmungen: 5 × mit einer Inspiration von bis zu 2–3 s. Der Startdruck beträgt 30 cmH₂O (≥ 32 SSW) bzw. 25 cmH₂O (< 32 SSW). Anschließend folgen 30 Beatmungen/min mit einer Inspirationszeit von etwa 1 s. Blähmanöver dauern nicht länger als 5 s.
- SpO₂-Zielbereiche ab Minute 3 (präduktal, rechte Hand): 70–75 % in Minute 3, 80–85 % in Minute 5, 85–95 % in Minute 10. Bei SpO₂ > 95 % wird der Sauerstoff reduziert.
Atemweg und Monitoring
- Zwei-Helfer-Technik mit Esmarch-Handgriff: bevorzugt, wenn genug Personal vorhanden ist.
- Larynxmaske früh: bei unwirksamer Maskenbeatmung oder primär statt der Maske, wenn die Größe passt. Daten liegen v. a. ab 34 SSW vor.
- Videolaryngoskop: Teil des Intubationssets, das direkte Laryngoskop dient als Reserve.
- EKG als genaueste Herzfrequenzmessung: Das Stethoskop ist als erster Schritt vertretbar. Die Hautfarbe ist nur nachrangig, da sie subjektiv und je nach Hauttyp unzuverlässig ist.
- Kein routinemäßiges Absaugen, auch nicht bei Mekonium. Atmet das Kind nicht, wird sofort beatmet.
Steigt die Herzfrequenz nach den Blähbeatmungen nicht an, ist fast immer die Beatmung unwirksam. Zu prüfen sind Kopfposition, Maskensitz und Thoraxhebung. Erst danach folgt die Eskalation.
Herzdruckmassage und Medikamente
- Herzdruckmassage: bei HF < 60/min trotz mindestens 30 s wirksamer Beatmung. Angewendet wird die Zwei-Daumen-Technik im Verhältnis 3 : 1, Sauerstoff auf 100 %.
- Adrenalin i.v./i.o.: 10–30 µg/kg, Standard nach RCUK 20 µg/kg, entsprechend 0,2 ml/kg der Lösung 0,1 mg/ml. Die Wiederholung ist einheitlich alle 4 min vorgesehen, solange die HF < 60/min liegt.
- Adrenalin endotracheal: 100 µg/kg, nur beim intubierten Kind ohne Gefäßzugang. Sobald ein Zugang liegt, wird die i.v./i.o.-Dosis sofort gegeben.
- Volumen: 10 ml/kg isotone kristalloide Lösung oder 0-Rh-negatives Erythrozytenkonzentrat, kein Albumin.
- Glukose 10 %: 2 ml/kg, nur bei gemessener Hypoglykämie.
- Natriumbikarbonat: aus der Reanimation gestrichen.
Abnabeln und Temperatur
- Eine Versorgung an intakter Nabelschnur wird bevorzugt, wenn sie sicher machbar ist, v. a. < 34 SSW.
- Kein Ausstreichen der Nabelschnur < 28 SSW.
- Temperaturziel 36,5–37,5 °C. Frühgeborene < 32 SSW werden ohne Abtrocknen des Körpers in Folie versorgt, der Kopf wird abgetrocknet und mit einer Mütze bedeckt. Die Aufnahmetemperatur ist zu dokumentieren.
Nach der Reanimation
Bei mittelschwerer bis schwerer hypoxisch-ischämischer Enzephalopathie ab 36 SSW ist eine therapeutische Hypothermie indiziert: 33–34 °C für 72 h, Beginn innerhalb von 6 h. Sie erfolgt nur im Zentrum nach festem Protokoll. Die Verlegung sollte früh angesprochen werden, bis dahin ist Überwärmung zu vermeiden.
Ist mehr als 20 min nach der Geburt trotz aller empfohlenen Maßnahmen und nach Ausschluss reversibler Ursachen keine Herzfrequenz nachweisbar, wird die Beendigung im Team und mit den Eltern besprochen.
Fazit für die Praxis
- ALS: Kompressionsqualität und kurze Pausen bleiben zentral. Die Medikamentengabe bei schockbaren Rhythmen orientiert sich an der Gesamtzahl der Schocks. Bei refraktärem VF folgt nach Prüfung der Pad-Lage der Vektorwechsel. Die Kapnographie ist obligat.
- Post-ROSC: Normoxämie, Normokapnie und Fiebervermeidung über mindestens 72 h bei komatösen Patient:innen.
- NLS: zwei Sauerstoff-Startstufen, einheitlich 6 cmH₂O PEEP, SpO₂-Ziele ab Minute 3, Adrenalin-Wiederholung alle 4 min, kein Natriumbikarbonat mehr.
- PLS: Details im entsprechenden Leitlinienkapitel prüfen.
Lokale Standards, Notfallkarten und Simulationstrainings sollten auf diese Punkte hin abgeglichen werden.
Quellen
- Soar J, Böttiger BW et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110769 (Korrigendum 2026).
- Nolan JP, Sandroni C et al. European Resuscitation Council and European Society of Intensive Care Medicine Guidelines 2025 Post-Resuscitation Care. Resuscitation 2025 / Intensive Care Med 2025;51:2213–2288.
- Kurzfassung der Leitlinien des European Resuscitation Council 2025. Notfall Rettungsmed 2025.
- Hogeveen M, Monnelly V, Binkhorst M et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Newborn Resuscitation and Support of Transition of Infants at Birth. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110766.
- Resuscitation Council UK. Newborn resuscitation and support of transition of infants at birth – 2025 Resuscitation Guidelines (nationale Adaptation der ERC-Leitlinien 2025).
Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.
