
Warum Adrenalin im Kreislaufstillstand?
Adrenalin (international: Epinephrin) ist ein Katecholamin mit α- und β-sympathomimetischer Wirkung. In der Reanimation steht die α-vermittelte Vasokonstriktion im Vordergrund. Sie soll den Perfusionsdruck während der Thoraxkompressionen verbessern. Die ERC-Leitlinien 2025 empfehlen Adrenalin weiterhin als Standardmedikament im Advanced Life Support für Erwachsene und Kinder.
Die Evidenz für einen Nutzen beim neurologisch günstigen Überleben gilt als begrenzter als für das Wiedererlangen eines Spontankreislaufs. Das unterstreicht die Rangfolge der Maßnahmen: Hochwertige Thoraxkompressionen mit minimalen Unterbrechungen und die frühe Defibrillation bei schockbarem Rhythmus haben Vorrang. Adrenalin ergänzt diese Maßnahmen, ersetzt sie aber nicht.
Zubereitung: zwei Konzentrationen, zwei Einsatzbereiche
Im Notfall sind zwei Konzentrationen gebräuchlich:
- 1 mg/ml (1 ml = 1 mg), unverdünnt aus der Ampulle
- 0,1 mg/ml, hergestellt aus 1 mg ad 10 ml NaCl 0,9 %
Bei Erwachsenen in der Reanimation wird üblicherweise die unverdünnte Lösung verwendet. Für Kinder ist die Verdünnung auf 0,1 mg/ml Grundlage der gewichtsbezogenen Dosierung. So ergibt sich ein einfaches Volumen von 0,1 ml/kg.
Adrenalin Reanimation Dosis bei Erwachsenen (ERC 2025)
Nach den ERC-Leitlinien 2025 für den Advanced Life Support bei Erwachsenen gilt:
- Dosis: 1 mg i.v./i.o.
- Volumen: 1 ml der Lösung 1 mg/ml
- Wiederholung: alle 3–5 min
Zeitpunkt nach Rhythmus
- Nicht schockbarer Rhythmus (Asystolie, PEA): Adrenalin so früh wie möglich, sobald ein i.v.- oder i.o.-Zugang vorhanden ist.
- Schockbarer Rhythmus (VF/pVT): erste Gabe nach dem 3. Schock, danach alle 3–5 min.
Der unterschiedliche Zeitpunkt folgt der Logik des Algorithmus. Bei schockbarem Rhythmus steht die frühe Defibrillation im Vordergrund, Adrenalin kommt erst nach den ersten Schocks hinzu. Bei nicht schockbarem Rhythmus fehlt diese Option, daher wird der Vasopressor frühestmöglich gegeben.
Adrenalin Kinder Reanimation: Dosierung nach Gewicht
Für Kinder geben die ERC-Leitlinien 2025 Paediatric Life Support eine gewichtsbezogene Dosierung vor:
- Dosis: 0,01 mg/kg (10 µg/kg) i.v./i.o.
- Maximale Einzeldosis: 1 mg
- Konzentration: 0,1 mg/ml (1 mg ad 10 ml NaCl 0,9 %)
- Volumen: 0,1 ml/kg der Verdünnung
- Wiederholung: alle 4 min (jeder 2. Zyklus)
Zeitpunkt nach Rhythmus bei Kindern
- Nicht schockbarer Rhythmus: so früh wie möglich, innerhalb von 3 min.
- Schockbarer Rhythmus: nach dem 3. und 5. Schock, danach alle 4 min.
Damit unterscheidet sich das pädiatrische Schema in zwei Punkten vom Erwachsenen-Algorithmus. Das Wiederholungsintervall ist mit 4 min (jeder 2. Zyklus) fest definiert. Bei schockbarem Rhythmus sind zudem die ersten beiden Gaben ausdrücklich an den 3. und 5. Schock gekoppelt.
Gewichtstabelle (0,01 mg/kg, Verdünnung 0,1 mg/ml)
| Körpergewicht | Dosis | Volumen (0,1 mg/ml) |
|---|---|---|
| 3 kg | 0,03 mg | 0,3 ml |
| 5 kg | 0,05 mg | 0,5 ml |
| 10 kg | 0,1 mg | 1 ml |
| 15 kg | 0,15 mg | 1,5 ml |
| 20 kg | 0,2 mg | 2 ml |
| 25 kg | 0,25 mg | 2,5 ml |
| 30 kg | 0,3 mg | 3 ml |
| 40 kg | 0,4 mg | 4 ml |
Die Faustregel „0,1 ml/kg der 1:10-Verdünnung“ erlaubt eine schnelle Kopfrechnung. Sie ersetzt aber nicht das laut ausgesprochene Gegenchecken im Team. Ist das Körpergewicht unbekannt, sollte es mit einem lokal etablierten Hilfsmittel geschätzt werden.
Erwachsene und Kinder im Vergleich
| Parameter | Erwachsene | Kinder |
|---|---|---|
| Dosis | 1 mg | 0,01 mg/kg (max. 1 mg) |
| Konzentration | 1 mg/ml | 0,1 mg/ml |
| Intervall | alle 3–5 min | alle 4 min (jeder 2. Zyklus) |
| Nicht schockbar | so früh wie möglich | so früh wie möglich (innerhalb 3 min) |
| Schockbar | nach dem 3. Schock | nach dem 3. und 5. Schock, dann alle 4 min |
Praxisrelevante Fehlerquellen
Verwechslung der Konzentrationen
Das größte Risiko liegt in der Verwechslung zwischen Reanimations- und Anaphylaxie-Dosierung. Bei der Anaphylaxie wird Adrenalin intramuskulär und unverdünnt (1 mg/ml) gegeben, mit 0,01 mg/kg und maximal 0,5 mg pro Einzeldosis (ERC 2025 PLS). Bei Kindern in der Reanimation wird dagegen intravenös oder intraossär aus der Verdünnung 0,1 mg/ml dosiert.
Die Milligramm-Dosis pro Kilogramm ist in beiden Situationen gleich. Das Volumen unterscheidet sich jedoch um den Faktor 10. Spritzen sollten daher eindeutig mit Wirkstoff und Konzentration beschriftet werden. Eine Anordnung sollte immer Dosis in mg, Konzentration und Volumen enthalten, etwa „0,2 mg Adrenalin, das sind 2 ml der 0,1-mg/ml-Verdünnung“.
Geht eine Anaphylaxie in einen Kreislaufstillstand über, gilt der Reanimationsalgorithmus mit i.v./i.o.-Dosierung.
Inkompatibilität mit alkalischen Lösungen
Adrenalin verliert bei Mischung mit alkalischen Lösungen wie Natriumbicarbonat an Wirkung. Werden beide Medikamente über denselben Zugang gegeben, muss dazwischen gespült werden.
Zeitmanagement
Die Intervalle von 3–5 min bei Erwachsenen bzw. 4 min bei Kindern lassen sich nur mit strukturierter Zeitnahme einhalten. Bewährt haben sich:
- eine feste Person für Medikamente und Dokumentation,
- ein laufender Timer,
- die Ankündigung der nächsten Adrenalingabe im Rhythmus der Analysezyklen.
Bei Kindern erleichtert die Kopplung an jeden zweiten Zyklus die Orientierung.
Kontraindikationen und unerwünschte Wirkungen
Im Kreislaufstillstand gibt es für Adrenalin keine absoluten Kontraindikationen. Nach Wiedererlangen eines Spontankreislaufs sind folgende Wirkungen möglich:
- Tachykardie
- Arrhythmien
- Hypertonie
- myokardiale Ischämie
Die Post-ROSC-Phase erfordert daher engmaschiges Monitoring.
Sonderfall: Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST)
Bei einem Kreislaufstillstand infolge einer Lokalanästhetika-Intoxikation empfiehlt die ASRA-Checkliste, Adrenalin in reduzierten Einzeldosen (≤ 1 µg/kg) zu geben. Zusätzlich gilt:
- Lipidemulsion 20 % als Antidot einsetzen.
- Die Reanimation gegebenenfalls lange fortführen.
- Früh an extrakorporale Verfahren (ECLS) denken.
Hier weicht die Dosierung bewusst vom Standardalgorithmus ab. Die spezifische Situation sollte im Team klar benannt werden.
Zusammenfassung für die Kitteltasche
- Erwachsene: 1 mg i.v./i.o. alle 3–5 min. Bei nicht schockbarem Rhythmus so früh wie möglich, bei schockbarem Rhythmus nach dem 3. Schock.
- Kinder: 0,01 mg/kg (max. 1 mg) i.v./i.o. aus der Verdünnung 0,1 mg/ml, also 0,1 ml/kg, alle 4 min. Bei nicht schockbarem Rhythmus innerhalb von 3 min, bei schockbarem Rhythmus nach dem 3. und 5. Schock.
- Konzentrationen nicht verwechseln: i.m. bei Anaphylaxie unverdünnt, i.v./i.o. bei Kindern in der Reanimation verdünnt.
- Zugang spülen, keine Mischung mit Natriumbicarbonat.
- Priorität behalten: Qualität der Thoraxkompressionen und frühe Defibrillation vor dem Medikament.
Die Gewichtstabellen finden sich auch in der Web-App „Notfall & Narkose“ und im Kitteltaschenbuch. Maßgeblich bleiben stets die aktuelle Leitlinie und die Fachinformation.
Quellen
- Soar J, Böttiger BW et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110769 (Korrigendum 2026).
- Djakow J, Turner NM, Skellett S et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Paediatric Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110767.
- Neal JM, Neal EJ, Weinberg GL. American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine Local Anesthetic Systemic Toxicity checklist: 2020 version. Reg Anesth Pain Med 2021;46:81–82.
Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.
