
Warum die Adrenalin-Dosis bei Anaphylaxie Routine sein muss
Die Anaphylaxie verläuft oft rasch und ist schwer vorherzusehen. Die meisten Fehler entstehen nicht durch fehlendes Wissen, sondern im Ablauf: Adrenalin wird zu spät gegeben, auf dem falschen Weg oder in der falschen Konzentration. Antihistaminika und Glukokortikoide werden außerdem häufig vorgezogen.
Der Grundsatz ist einfach: Bei Verdacht auf eine Anaphylaxie mit Atemwegs- oder Kreislaufbeteiligung wird Adrenalin sofort intramuskulär gegeben. Alles Weitere folgt danach.
Sofortmaßnahmen im Überblick
Die Erstversorgung läuft parallel und nicht nacheinander:
- Auslöser stoppen, z. B. Infusion oder Medikamentengabe beenden
- Hilfe rufen
- Adrenalin i.m. in den seitlichen Oberschenkel
- Lagerung nach Leitsymptom
- Sauerstoff hochdosiert
- Volumen kristalloid
Schweregrade und Indikation für Adrenalin
Die Einteilung erfolgt nach Organbeteiligung:
| Grad | Haut | Abdomen | Atemwege | Kreislauf |
|---|---|---|---|---|
| I | Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem | – | – | – |
| II | wie I | Übelkeit, Krämpfe, Erbrechen | Rhinorrhö, Heiserkeit, Dyspnoe | Tachykardie, RR-Abfall, Arrhythmie |
| III | wie I | Erbrechen, Defäkation | Larynxödem, Bronchospasmus, Zyanose | Schock |
| IV | wie I | wie III | Atemstillstand | Kreislaufstillstand |
Für die Praxis sind zwei Punkte entscheidend:
- Hautsymptome können fehlen. Ein fehlendes Exanthem schließt eine Anaphylaxie nicht aus.
- Adrenalin i.m. ist ab Grad II indiziert, also sobald Atemwege oder Kreislauf beteiligt sind.
Bei Kreislaufstillstand (Grad IV) gilt der Reanimationsalgorithmus. Dort wird Adrenalin nach den ERC-Leitlinien 2025 i.v./i.o. gegeben:
- Erwachsene: 1 mg alle 3–5 min
- Kinder: 0,01 mg/kg, max. 1 mg, alle 4 min
Adrenalin i.m. bei Anaphylaxie: Dosis und Technik
Applikationsort und Zubereitung
- Injektionsort: Oberschenkel anterolateral, Mitte
- Konzentration: unverdünnt, 1 mg/ml (1 ml = 1 mg)
- Zeitpunkt: sofort bei Verdacht
Bei Anaphylaxie bestehen für Adrenalin keine absoluten Kontraindikationen. Die intramuskuläre Gabe ist daher auch bei Vorerkrankungen nicht zurückzustellen.
Gewichtsbezogene Dosis
Nach den ERC-Leitlinien 2025 (Paediatric Life Support) gilt:
- 0,01 mg/kg (10 µg/kg) i.m.
- maximal 0,5 mg pro Einzeldosis
- Wiederholung alle 5 min, solange keine Besserung eintritt
Bei der Konzentration 1 mg/ml ergibt sich:
| KG | Dosis | Volumen (1 mg/ml) |
|---|---|---|
| 3 kg | 0,03 mg | 0,03 ml |
| 5 kg | 0,05 mg | 0,05 ml |
| 10 kg | 0,1 mg | 0,1 ml |
| 15 kg | 0,15 mg | 0,15 ml |
| 20 kg | 0,2 mg | 0,2 ml |
| 25 kg | 0,25 mg | 0,25 ml |
| 30 kg | 0,3 mg | 0,3 ml |
| 40 kg | 0,4 mg | 0,4 ml |
Feste Dosis nach Alter
Ist das Gewicht unbekannt oder die Zeit knapp, nennen die ERC-Leitlinien 2025 feste altersbezogene Dosen:
| Alter | Adrenalin i.m. |
|---|---|
| > 12 Jahre und Erwachsene | 0,5 mg |
| 6–12 Jahre | 0,3 mg |
| 1–5 Jahre | 0,15 mg |
| < 1 Jahr | 0,01 mg/kg |
Die Altersdosis vereinfacht vor allem im präklinischen Kindernotfall das Vorgehen. Kleinvolumige Spritzen helfen, die geringen Volumina bei Säuglingen und Kleinkindern genau aufzuziehen.
Wiederholung
Bessern sich die Symptome nicht, wird Adrenalin i.m. nach 5 min wiederholt. Klinische Kriterien sind:
- Atemwegssymptomatik
- Blutdruck
- Perfusion
- Bewusstseinslage
Um das Intervall einzuhalten, sollte der Zeitpunkt der ersten Gabe dokumentiert und im Team kommuniziert werden.
Wann Adrenalin intravenös?
Die intravenöse Gabe ist für zwei Situationen vorgesehen:
- Refraktäre Anaphylaxie: Symptome bestehen trotz zwei i.m.-Dosen fort.
- Patient:in ist bereits am Monitor, etwa im Schockraum, im OP oder auf der Intensivstation.
Für die Infusion nennt das Kompendium folgendes Vorgehen:
- Start mit 0,1 µg/kg/min, dann nach Wirkung titrieren
- Gabe titriert und verdünnt, als Bolus oder über Perfusor
- nur durch Erfahrene unter vollem Monitoring
Für die Verdünnung gibt es neben der Stammlösung 1 mg/ml die Zubereitung 0,1 mg/ml (1 mg ad 10 ml NaCl 0,9 %). Konkrete i.v.-Bolusdosen sowie Perfusor-Verdünnungen und Laufraten richten sich nach den lokalen Standards, der aktuellen Leitlinie und der Fachinformation.
Ein typisches Fehlerrisiko ist die Verwechslung: Unverdünntes Adrenalin in der i.m.-Dosierung darf nicht als intravenöser Bolus gegeben werden. Spritzen deutlich beschriften und Konzentrationen im Team laut ansagen (Closed-Loop-Kommunikation).
Unerwünschte Wirkungen und praktische Hinweise
- Tachykardie, Arrhythmien, Hypertonie und myokardiale Ischämie sind möglich. Das ist ein weiterer Grund, die i.v.-Gabe nur unter Monitoring durchzuführen.
- Adrenalin verliert seine Wirkung, wenn es mit alkalischen Lösungen gemischt wird, z. B. Natriumbicarbonat. Den Zugang deshalb spülen.
Anaphylaktischer Schock: Therapie über Adrenalin hinaus
Lagerung
- Kreislauf instabil: flach lagern, Beine hoch
- Atemnot: sitzend
- Bewusstlos: stabile Seitenlage
Sauerstoff und Volumen
- Sauerstoff hochdosiert
- Volumen kristalloid: Erwachsene 500–1000 ml, Kinder 20 ml/kg, nach Wirkung wiederholen
Gerade im anaphylaktischen Schock ist die Volumentherapie neben Adrenalin ein tragender Pfeiler, weil Vasodilatation und Kapillarleck zu einem relativen und absoluten Volumenmangel führen.
Bronchospasmus
Bei Bronchospasmus wird zusätzlich ein β₂-Mimetikum inhalativ gegeben. Es ergänzt die systemische Adrenalingabe, ersetzt sie aber nicht.
Patient:innen unter Betablocker
Unter Betablockertherapie sprechen Patient:innen oft schlecht auf Adrenalin an. In diesem Fall ist Glukagon zu erwägen. Die Dosierung ist der aktuellen Leitlinie bzw. Fachinformation zu entnehmen.
Antihistaminika und Glukokortikoide
Antihistaminika und Glukokortikoide sind nachrangig und ersetzen Adrenalin nicht. Ihre Gabe darf die Adrenalingabe nicht verzögern. Zu Dosierungen wird auf die S2k-Leitlinie Anaphylaxie und die jeweilige Fachinformation verwiesen.
Nachsorge und Übergabe
Auch nach rascher Besserung ist die Versorgung nicht abgeschlossen:
- Überwachung: Ein biphasischer Verlauf ist möglich. Bei schwerer Reaktion erfolgt die stationäre Aufnahme.
- Serum-Tryptase zur Diagnosesicherung abnehmen.
- Adrenalin-Autoinjektor verordnen, Notfallplan erstellen und eine allergologische Abklärung veranlassen.
Für die Übergabe sinnvoll zu dokumentieren sind:
- vermuteter Auslöser
- Zeitpunkt und Anzahl der Adrenalingaben
- Applikationsweg
- Volumenmenge
- Verlauf der Leitsymptome
Kernaussagen für die Kitteltasche
- Adrenalin i.m. ab Grad II, also bei Atemwegs- oder Kreislaufbeteiligung, sofort und unverdünnt in den anterolateralen Oberschenkel.
- Dosis 0,01 mg/kg, max. 0,5 mg. Alternativ altersbezogen: > 12 J./Erwachsene 0,5 mg, 6–12 J. 0,3 mg, 1–5 J. 0,15 mg, < 1 J. 0,01 mg/kg.
- Ohne Besserung nach 5 min wiederholen.
- Nach zwei erfolglosen i.m.-Gaben oder bei liegendem Monitoring: Adrenalin i.v., verdünnt und titriert, als Infusion ab 0,1 µg/kg/min. Nur durch Erfahrene.
- Lagerung nach Leitsymptom, Sauerstoff hochdosiert, Volumen kristalloid.
- Antihistaminika und Glukokortikoide sind nachrangig. Unter Betablocker Glukagon erwägen.
- Nachbeobachtung wegen möglichem biphasischem Verlauf, Tryptase abnehmen, Autoinjektor verordnen.
Quellen
- Djakow J, Turner NM, Skellett S et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Paediatric Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110767.
- Soar J, Böttiger BW et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110769 (Korrigendum 2026).
- Ring J et al. S2k-Leitlinie Akuttherapie und Management der Anaphylaxie (AWMF 061-025). Allergo J Int 2021;30:1–25.
- Lott C et al. European Resuscitation Council Guidelines 2021: Cardiac arrest in special circumstances (Anaphylaxie). Resuscitation 2021;161:152–219.
Dieser Beitrag ersetzt weder die ärztliche Beurteilung im Einzelfall noch die aktuelle Fachinformation und Leitlinie.
